Legitimationskrise der liberalen Demokratie und autoritäre Dynamiken

LEI_F_07 – Projekt des FGZ Leipzig

Zielsetzung / Fragestellung

Das Projekt LEI_F_07: Legitimationskrise der liberalen Demokratie und autoritäre Dynamiken leistet seinen Beitrag zur begrifflich-theoretischen und empirisch-analytischen Untersuchung der sozioökonomischen Faktoren und der sozialen Beziehungen als Bedingungen des demokratischen Zusammenhalts. Damit stehen Identifikationsprozesse, ihre emotionale Dimension und intergenerationelle Transmissionsprozesse beziehungsweise politische Mythen im Fokus des Interesses. Geplant ist ein empirischer Zugang, der über repräsentative Erhebungen und Gruppendiskussionen hergestellt wird. Die Gruppendiskussionen werden mit Hilfe eines sinnrekonstruktiven Verfahrens interpretiert und auch die fragebogengestützt erhobenen Daten sollen nicht primär hypothesentestend, als mit hermeneutischen Verfahren der Statistik ausgewertet werden. In beiden Fällen wird das Erkenntnisziel einer kritischen Sozialforschung verfolgt. Konkret bedeutet das, die Verbreitung von antidemokratischen Einstellungen mit einem mixed-method design zu erfassen und ihre aktuellen Entstehungsbedingungen bezogen auf Geschichtsmilieus, Subjektform und bestehende soziale Konflikte zu verstehen. Dabei soll das Augenmerk nicht nur auf antidemokratischen Dynamiken, sondern auch auf die Erweiterung von demokratischen Handlungsmöglichkeiten politisch engagierter Gruppen liegen.

a) Rechtsextrem-autoritäre Dynamiken erscheinen als Legitimationskrise der demokratischen Gesellschaft. Das liegt zum einen an einer Entwicklung der demokratischen Gesellschaft über die letzten Jahrzehnte, zum anderen am ideologischen Bestand autoritärer Bewegungen. Während das Demokratieverständnis sich über den Zeitraum der letzten 40-50 Jahre in der Bundesrepublik verstärkt am Ideal einer partizipativen Abwägung verschiedener Interessen und Handlungsoptionen im Diskurs der Gesellschaftsmitglieder orientiert hat und damit der Realität einer pluralen Gesellschaft entspricht sind autoritäre Bewegungen von einem anderen Gesellschaftsverständnis getragen. Sie richten sich sowohl gegenwärtig als auch in ihrem ideologischen Selbstverständnis insbesondere gegen diese deliberative Demokratie, weil sie nicht auf der Repräsentation eines volonté générale eines fiktiven, ethnisch-homogenen Staatsvolkes basiert.

Dabei ist zwar die Feststellung eines Legitimationsverlustes moderner Gesellschaften früh getroffen worden und auf ihre immanente Krisenverhaftetheit in Folge dessen in ihnen bestehenden Antagonismus zurückgeführt worden. Aber gerade der letzte Punkt einer basalen Widersprüchlichkeit führt sofort vor Augen, dass diese unabhängig von konkreten Krisenphänomenen besteht. Berücksichtigt man also, dass von einer sozialen Krise nur gesprochen kann, wenn eine relevante Zahl von Gesellschaftsmitgliedern eine Entwicklung als solche erlebt, wird verständlich, dass die jeweilige Ursache für einen Legitimationsverlust aus der konkreten historischen Situation heraus verstanden werden muss. Diese Feststellung schließt nicht nur ein, dass Krisen nicht objektiv, also unabhängig von ihrer Wahrnehmung, existieren, sondern auch, dass sie den Verlust der Integrationskraft zentraler Ideologeme, beziehungsweise Mythen der Gesellschaft anzeigen – und diese damit selbst empirisch erfassbar machen. Damit soll nicht bestritten werden, dass es grundlegende Widersprüche und cleavages gibt, die eine gesellschaftliche Formation über einen geschichtlichen Moment hinaus durchziehen. Wenn auch eine empirische Sozialforschung entlang der konkreten Frage, welche Widersprüche es sind, die als Legitimationsverlust zu Tage treten, die Forschung beginnt, so gilt es dennoch, den Befund in den Rahmen einer Gesellschaftstheorie und damit historisch übergreifender Tendenzen zu stellen. Hypothese 1: Die Krisenwahrnehmung hängt von sich verändernden, zwar geschichtlich-bestimmten, aber wechselnden Bedingungsfaktoren ab. Über die Rekonstruktion dieser Bedingungsfaktoren kann Auskunft über gesellschaftliche Widersprüche eingeholt werden.

b) Autoritäre Dynamiken treten als Gruppen- beziehungsweise Massenphänomene auf. Diese autoritären Gruppen oder Massen konstituieren sich durch die Identifikation ihrer Mitglieder mit einem Ideal/Autorität, sind also auch als Gruppenphänomene wesentlich Ausdruck des Agierens von Einzelnen in einer Gruppe. Dabei folgt die Identifikation in ihrer Intensität und ihrem Inhalt (also der Wahl des Objekts) einem von den Gruppenmitgliedern geteilten Bedürfnis, die Gruppe wird durch die Objektwahl konstituiert. Die Ergebnisse verschiedener sozialpsychologischer Untersuchungen zeigen, dass Inhalt und Intensität von sozialen Faktoren abhängen. Kennzeichen einer Gruppenbildung mit einer autoritären Dynamik lässt sich idealtypisch entlang folgender Merkmale beschreiben:

  • Wunsch nach Identifikation mit undUnterwerfung unter eine Autorität, welche Stärke und Sicherheit vermittelt; dieses Autoritätsverhältnis bleibt trotz dieses Wunsches nach Identifikation ambivalent;

  • diese Ambivalenz findet ihren Ausdruck in der autoritären Aggression, die sich gegen scheinbar Schwächere, Abweichende oder „Andere“ richtet. Objekt dieser Aggression können auch „schwache“ Autoritäten sein (wie im Populismus „Eliten vs. Volk“)

  • der Betonung von Eigengruppennormen und Konventionen,

  • Verschwörungsmentalität

  • häufig im Antisemitismus,

  • aber auch im Aberglauben und

  • in Esoterik und

  • einer Vorstellung von Gesellschaft als geprägt durch den Kampf von Gruppen untereinander (soziale Dominanzorientierung).

Wichtig ist für das dynamische Verständnis, dass solcherart autoritäre Reaktionen als Ausdruck von gesellschaftlichen Verhältnissen verstanden werden. Dabei sind Autoritätsverhältnisse nicht nur in dem Sinne gesellschaftlich bestimmt, als dass sie auf einen aktuellen gesellschaftlichen Konflikt verweisen, sondern auch in einem weiteren Sinne: Weil sie Ausdruck der Bedürfnisse der Individuen sind, verweisen sie auch auf die gesellschaftliche Hervorbringung dieser Bedürfnisse. Gesellschaftsmitglieder sind eine Art paradoxe „innere Umwelt“ der Gesellschaft: Ihre Subjektivität ist der Gesellschaft entsprungen, aber als Entsprungenes treten die Subjekte der Gesellschaft mit einem Eigensinn gegenüber. Das bedeutet für das Verständnis von Autoritätsbedürfnissen, dass sowohl aktuelle als auch vorgängige Vergesellschaftung berücksichtig werden müssen. Subjektivität wird dabei verstanden als Ergebnis einer lebenslangen Sozialisation, gleichzeitig Möglichkeit der individuellen Autonomie, wie Ergebnis einer grundsätzlichen Übermacht der Gesellschaft. Über die Beforschung der Krisenwahrnehmung (vgl. a) erhält man deshalb mehr als nur eine Auskunft über den subjektiven Faktor. Über die Wahrnehmung eröffnen sich interpretativ objektiv bestehende Konflikte der Gesellschaft: Jede in einer Gesellschaft diagnostizierte „Krise“ ist auch ein Ausdruck dieser spezifischen Gesellschaft, der in ihr herrschenden autoritären oder Anerkennungsverhältnissen. Da auch die Gesellschaftsmitglieder in ihrer Subjektivität geschichtlich bestimmt sind, Hypothese 2a: Antidemokratische Bewegungen sind eine mögliche Reaktion auf den Legitimationsverlust, diese Reaktion wird durch autoritäre Dynamiken der die Bewegung tragenden Personen wesentlich mitbestimmt. Hypothese 2b: Die autoritären Syndrome sind Ausdruck der in der Gesellschaft selbst bestehenden Widersprüche, die sich in der autoritären Dynamik manifestiert.

c) Sowohl Widersprüche als auch Autoritätsverhältnisse sind übergreifende Kennzeichen bisheriger Gesellschaften. In einer Gegenüberstellung von gesellschaftlicher Rationalität und individueller Irrationalität kann die autoritäre Dynamik nicht erfasst werden. Vielmehr kann in der Irrationalität individueller Reaktionen auf gesellschaftliche Prozesse die Widersprüche der Gesellschaft selbst erfasst werden. Auch die sozialen Kämpfe um normative Anerkennung finden nicht im Rahmen der angenommenen sozialen Rationalität statt, sondern durch die gesellschaftliche Rahmung selbst werden immer auch gleichzeitig die Bedingungen von Herrschaft reproduziert. Insofern ist das politische Handeln von Gruppen und Individuen in einem Spannungsverhältnis von begründet-deliberativem Handeln und Reproduktion von gesellschaftlichen Autoritätsverhältnissen situiert. Dieses Spannungsverhältnis kennzeichnet, dass sich politisches Partizipation – demokratisch oder autoritärer – nicht in einer Gegenüberstellung von rationalem Handeln und irrationaler Reaktion dichotomisieren lässt. Alternativ kann die Betrachtung politischer Partizipation entlang des Konzepts eines Chiasmas gedacht werden, in dem sich zwei Gegensatzpaare überkreuzen: Agieren/Handeln und Zwang/Freiheit. Entlang dieses Chiasmas lassen sich Partizipationsformen als Mischverhältnisse rekonstruieren und Bedingungen demokratisch-deliberativer Partizipation mit jenen autoritären Reaktionen kontrastieren. Die Konzeption als Chiasma schließt mit ein, dass die Kontrastierung nicht nur zwischen Polaritäten, sondern auch in einem sozialen Geschehen beobachtet werden kann. Die oben unter b) idealtypisch formulierten Merkmale autoritärer Dynamik zeigen sich in bevölkerungs-repräsentativen Untersuchungen weit verbreitet, etwa als autoritäre Aggression. Zudem ist aus verschiedenen Studien bekannt, dass das Bedürfnis nach (politischer) Handlungsfähigkeit, die Bedrohungswahrnehmung von Eigengruppenormen und gesellschaftliche Transformations-prozesse die autoritäre Orientierung in Gruppen verstärken. Die gesellschaftlichen Dynamiken und Gruppendynamiken, unter denen es auch in Gruppen mit demokratischen Zielen zu einem verstärkten Bedürfnis nach Identität und zur autoritären Orientierung kommt, sind bisher nicht Gegenstand der Forschung.

d) Wann eine gesellschaftliche Entwicklung von einem relevanten Teil der Gesellschaftsmitglieder als krisenhaft erlebt wird und sich mit dem Bedürfnis nach Handlungsbefähigung verbindet, ist zwischen Individuen und zwischen Gesellschaften unterschiedlich. Erst wenn der Verlust der Handlungsfähigkeit von mehreren Menschen geteilt wird, wird eine Situation als ein politisches beziehungsweise sozialpsychologisches Problem begriffen. Daraus ergibt sich für einen Forschungsprozess ad 1) die Frage, wann Handlungsfähigkeit erfahren wird beziehungsweise ihre Abwesenheit erlebt wird und ad 2) für welche Lebensbereiche aus Sicht von Menschen gerade die Fähigkeit zur Gestaltung und Kontrolle vorliegen muss beziehungsweise für welche es im Grunde als weniger bedeutsam bis irrelevant erfahren wird. Ad 3) wird auch die Frage nach den sowohl sozialisatorisch erworbenen als auch aktuell verfügbaren (individuellen aber auch geteilten) Fähigkeiten und Motive für Partizipation für eine sozialpsychologische Forschung relevant.

Während die erste Frage sich grundsätzlich auch auf der manifesten Ebene der bewusst formulierten Anliegen im Forschungsprozess teilweise beantworten lässt, ist die zweite und dritte Frage nur mit einem interpretativen Vorgang zu erschließen. Aber auch die Beantwortung der ersten Frage ist mit dem manifest geäußerten Wunsch nach Verfügung nicht abschließend beantwortet, zumindest dann nicht, wenn die Forschung innerhalb einer Psychologie des Unbewussten stattfindet. So ist dann auch für diese erste Frage ein interpretatives Vorgehen notwendig (bzw. eine Montage). Aus dem Erörterten ergibt sich ebenfalls, dass die bedeutsamen Antworten vor allem im Bereich der Sozialpsychologie zu erwarten sind (also psychoanalytisch gesprochen der Massenpsychologie und sozialkognitiv gesprochen im Bereich der Inter- und Intragruppenbeziehungen).

Daher soll die autoritäre Dynamik beziehungsweise deliberative Partizipation entlang von verschiedenen Erscheinungsformen untersucht werden. An welchem Faktor der Konflikt erscheint, ist dabei so wenig trivial wie bereits selbst die Erklärung für den zugrundeliegenden Konflikt. Als Ausgangspunkt des empirischen Forschungsprojekts werden zwei Phänomenbereiche betrachtet. Ein Zugang zum sozialen Konflikt kann die seit circa 20–30 Jahren sich verstärkt in der Muslimfeindschaft äußernde Abwertung und Diskriminierung von Menschen sein. Entlang einer zugeschriebenen Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe werden Ausgrenzung und Diskriminierung von relevanten Bevölkerungsteilen begründet. Die Religion als Konfliktfaktor in den Blick zu nehmen, ist nicht nur interessant wegen dieser Präsenz von Ressentiments in der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch durch die bestehende Nähe zum Antisemitismus und seinen Stellenwert in der autoritären Reaktion. Etwaige Kontinuitäten des Antisemitismus oder seine Äußerung in der Muslimfeindschaft als Umwegkommunikation kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden, aber der Hinweis gestattet den Hinweis auf das historisch-übergreifende Motive einer Religion als Konfliktfaktor.

Der zweite Phänomenbereich, welcher im Forschungsvorhaben zum Gegenstand wird, sind Widersprüche, in denen sich demokratische Partizipation befindet beziehungsweise die Widersprüche, die auch in ihr auftreten und in der sich die Gruppen oder Personen befinden, die sich für einen demokratischen Zusammenhalt engagieren. Auch in diesen Gruppen lassen sich Dynamiken beobachten, welche als autoritäre Reaktion beschrieben werden können. So wurden etwa restriktive und autoritäre Dynamiken in dem eigenen Anspruch nach demokratischen Gruppen oder Politikkonzepten beschrieben, durch welche sichtbar wird, dass auch die Frage nach einer reflexiven Perspektive auf solidarisches Handelns neu gestellt werden muss.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Die starke Betonung von Homogenität beziehungsweise von ingroup- / outgroup-Unterschieden ist eine Ursache für die nachlassende Kohäsion in einer Gesellschaft. Zwar ist Identität beziehungsweise soziale Zugehörigkeit ein menschliches Grundbedürfnis. Dabei variiert aber die Stärke des Bedürfnisses und damit der Gruppenidentifikation abhängig von Kontextfaktoren. Kohäsion baut auf einem deliberativen Verständnis von Demokratie auf. Nachlassender Zusammenhalt schließt die Aberkennung von gleichberechtigter Teilhabe am gesellschaftlichen Interessensausgleich ein. Werden Zugehörigkeiten zu Gruppen nicht nur salient, sondern auch als Merkmal zur Abwertung anderer bedeutsam, ist dies ein Hinweis auf ein wachsendes Bedürfnis bei den Gesellschaftsmitgliedern. Deshalb rückt die Frage nach den sozialen Bedingungen des Bedürfnisses nach Identität in den Vordergrund der Forschung.

» zurück zur Projektübersicht