Segmentation und wechselseitige Bewertungen sozialer Milieus

BRE_F_03 – Projekt des FGZ Bremen

Zielsetzung / Fragestellung

Schwerpunkt des Projektes sind soziale Beziehungen und soziale Praktiken auf der Akteursebene und auf der Ebene sozialer Milieus. Dynamiken des Zusammenwirkens ergeben sich einerseits aus sozial und kulturell selektiven Netzwerkbeziehungen, andererseits aber auch aus den Bewertungen der sozialen Praktiken anderer Milieus. Wir untersuchen somit die latenten Beziehungen zwischen sozialen Milieus. Die soziale Kohäsion ist einerseits eine zentrale unabhängige Variable, weil wir vermuten, dass spezifische Formen der sozialen Einbettung auf der Mikroebene (zum Beispiel sozial, kulturell oder ethnisch homo- oder heterogene Netzwerke) sowie die „Kreuzung sozialer Kreise“ die Bewertungen der jeweils anderen Milieus beeinflussen. Diese Bewertungen wiederum sind Ausdruck latenter Konfliktpotenziale, etwa aufgrund konkurrierender sozialer Produktionsfunktionen (s.u.), die die Kohäsion des sozialen Systems auf der Makroebene – etwa durch Politisierung von sozialen und ethnischen Gruppengrenzen – beeinträchtigen können. Auf der Ebene sozialer Systeme, etwa regionaler Milieus, ist die Kohäsion somit eine abhängige Variable. Wie stark interagieren und mischen sich soziale Milieus in Nachbarschaften, Vereinen, Betrieben, Familien, Bildungseinrichtungen, Freundschaften, zivilgesellschaftlichen Organisationen und medialen Diskursräumen – und in welchem Grad schotten sie sich gegenseitig ab? Welche Milieus sind isoliert? Und wie strukturiert sich durch soziale Kontakte beziehungsweise Kontaktbarrieren auch das Wissen (beziehungsweise Nicht-Wissen) und die Vorstellungen über andere soziale Milieus? Diese Fragestellung, zu der bislang wenige Kenntnisse vorliegen, wird mit Methoden der Netzwerkforschung untersucht. Ähnliche Forschungsfragen werden zwar mit Bezug auf interethnische Beziehungen und ihren Auswirkungen bearbeitet, aber bislang kaum hinsichtlich der Beziehungen zwischen sozialen, kulturellen oder religiösen Milieus.

Im Rahmen einer semistandardisierten Netzwerkuntersuchung werden Angehörige der verschiedenen Milieus zu ihren Beziehungen und Kontakten in Familie, Freundschaft und Nachbarschaft, in Arbeitszusammenhängen und Freizeitaktivitäten sowie bezogen auf ihre Wahrnehmung anderer Milieus befragt. Dabei sollen sowohl offline- wie online-Kontakte und die Nutzung sozialer Netzwerke im Internet analysiert werden. Ergänzt werden soll diese Befragung mit einer sozialräumlichen „Tiefenbohrung“ in ausgewählten Stadtteilen (Randlagen / Durchschnittslagen, Ost / West): Für diese Sozialräume sollen die Gelegenheitsstrukturen für Kontakte und Vernetzung (Infrastruktur, Vereine, kulturelle Angebote etc.) kartiert und die Nutzung dieses Gelegenheitsraumes durch unterschiedliche Bewohner*innengruppen hinsichtlich Durchmischung und Abschottung untersucht werden. Die Daten über die Stadtteile und Nachbarschaften bieten darüber hinaus auch geeignete Anknüpfungspunkte für Transferprojekte in diesen Sozialräumen.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Zum Verständnis sozialer Kohäsion sollen in dem Projekt a) die Kontaktmuster, b) die Gelegenheitsstrukturen für Kontakt und c) die wechselseitigen Wahrnehmungen untersucht werden. Entsprechende (typisierte) Wahrnehmungen und Bewertungen von Personen aus verschiedenen sozialen Milieus basieren auf Stereotypen, die wir sowohl standardisiert als auch nicht-standardisiert erfassen. Im Anschluss an existierende Milieutypologien entwickeln wir idealtypische Habitusbeschreibungen, die wir den Befragten als Vignetten vorlegen. Sie werden gebeten, die in den Vignetten dargestellten Personen in Hinblick auf unterschiedliche soziale Dimensionen zu bewerten sowie deren Verhalten in fiktiven Situationen vorherzusagen. Ebenso sollen sie mutmaßen, wie die fünf ihnen am nächsten stehenden erwachsenen Personen die in den Vignetten beschriebenen Habitustypen bewerten würden. Neben dem standardisierten Instrument zur Bewertung werden auch Narrationen stimuliert, die sowohl mittels rekonstruktiver Methoden als auch mit Verfahren der standardisierten Textverarbeitung (sentiment analysis, semantische Netzwerke, gegebenenfalls topic modeling) ausgewertet werden.

Theoretisch motiviert ist unser Ansatz durch die Theorie sozialer Produktionsfunktionen, wie sie von Lindenberg formuliert und von Esser auf interethnische Konfliktpotenziale angewendet wurde. Gemäß ihrer (sub-)kulturell verankerten Präferenzen versuchen Milieus spezifische Bewertungsmaßstäbe für kulturelle und soziale Kapitalien zu etablieren (zum Beispiel gendergerechter Sprachgebrauch, traditionelle Männlichkeitsbilder), wobei die Durchsetzung der für ein Milieu passenden Maßstäbe für ein anderes Milieu die Entwertung ihrer Kapitalien bedeuten kann.

Mit seinem empirisch-analytischen Zugriff leistet das Projekt einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Quellen und Gefährdungen sozialen Zusammenhalts, insbesondere der Segregation von Lebenslagen und Lebenszusammenhängen (soziale Beziehungen und Netzwerke), sowie von Status- und Distinktionskämpfen und Polarisierungstendenzen (Wahrnehmung anderer Milieus). Über den Vergleich zwischen Regionen in Ost- und Westdeutschland sowie den Stadt-Land-Vergleich bietet das Projekt darüber hinaus einen Zugang zu den unterschiedlichen Kontexten und Konstellationen gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Laufzeit, Cluster und Forschungsfelder

Laufzeit:

06 / 2020 – 05 / 2023
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