Relativierung, Revisionismus, Wiederkehr. Die Abwehr der Erinnerung an den Natio­nalsozialismus seit 1990 und ihre Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt

JEN_F_02 – Projekt des FGZ Jena

Zielsetzung / Fragestellung

Die Erinnerung an den Nationalsozialismus gehört seit 1990 zur Staatsräson des geeinten Deutschlands und ist damit zumindest auf politisch-offizieller Ebene Teil deutscher Identitäts- und Zusammenhaltsvorstellungen. Da die Realität der nationalsozialistischen Vergangenheit einer ungebrochenen Identifizierung mit der deutschen Nation jedoch im Wege steht, gibt es sowohl auf gesellschaftlicher als auch individueller Ebene – von Teilen der Mitte der Gesell­schaft bis zu antidemokratischen und rechtsextremen Kräften – nach wie vor Bestrebungen, den Nationalsozialismus zu relativieren und die Erinnerung an die NS-Vergangenheit zu marginalisieren („Vogelschiss“ etc.). Das Forschungsprojekt zielt darauf ab, Tendenzen der Relativierung des Nationalsozialismus und der Abwehr der Erinnerung an den Nationalsozialismus seit 1990 als Faktoren der Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts auf Makro-, Meso- und Mikroebene zu untersuchen. Dabei soll herausgearbeitet werden, welche in- und exkludierenden Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenhalt (z.B. völkisch-antisemitische Weltbilder) mit diesen Formen von Geschichtsrevisionismus einhergehen.

Vor dem Hintergrund des seit den 1990er Jahren institutionalisierten NS-Gedenkens stellt sich zunächst die allgemeine Frage, auf welche Weise sich die Erinnerung an den Nationalsozialismus in Deutschland auf der politischen und kulturellen Makroebene als haltungs- und handlungsleitend für die Konstitution eines (normativ gedachten) gesellschaftlichen Zusammenhalts erweist. Davon ausgehend ist im Sinne der eingangs formulierten Heuristik zu fragen, auf welchen institutionellen, kollektiven und individuellen Ebenen und in welchen Ausprägungen seit 1990 eine Abwehr oder Relativierung der NS-Erinnerung auftritt. Das Forschungsprojekt geht von der Hypothese aus, dass sich die relativierenden Argumentationsmuster mit der deutschen Einheit semantisch verändert haben – insbesondere unter der Bedingung der nun „konkurrierenden“ Erinnerung an die DDR (vgl. Wippermann 2009).

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Bezugnehmend auf die Arbeitsdefinition des sozialen Zusammenhalts untersucht das Forschungsprojekt die deutsche Erinnerungskultur und –politik als Quellen und Entstehungsbedingungen verschiedener Formen von gesellschaftlichem Zusammenhalt. Die Konstruktion von Zusammenhaltsvorstellungen durch den Rückgriff auf Geschichte gehört zu denkulturellen Faktoren, die die Entstehung von gesellschaftlichen Zusammenhalt bedingen. Für das Projekt spielen dabei sowohl die jeweils herrschenden Diskurslagen und politischen Narrative in verschiedenen Öffentlichkeiten auf Makroebene, als auch die individuellen kognitiven und emotionalen Dimensionen auf Mikroebene eine Rolle.

Auf der Makroebene sind politische Semantiken und Narrative des öffentlichen Diskurses in Deutschland von Interesse, die gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Rückgriff auf die Vergangenheit zu legitimieren suchen. Der Analyse liegt die Annahme zugrunde, dass nationale oder kulturelle Selbstbilder und damit Vorstellungen von gesellschaftlichem Zusammenhalt auch über historische Sinnstiftung hergestellt beziehungsweise reproduziert werden. Um kollektive gesellschaftliche Kontinuität, Konsistenz und Kohärenz zu schaffen, bedarf es unter anderem einer „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgreifende(n) Zeitverlaufsvorstellung“ beziehungsweise Erzählung, die historisches Geschehen normativ organisiert (Rüsen 2012). Das Narrativ eines kontinuierlichen Zeitverlaufs wird in Deutschland jedoch angesichts des Zivilisationsbruchs, den die Shoah darstellte, verunmöglicht (Kantsteiner 2013). Seit den späten 1980er Jahren und insbesondere seit der Wiedervereinigung wird in Deutschland versucht, die Erinnerung an den Holocaust institutionell in das deutsche Selbstbild zu verankern (Knigge 2016). Das Gedenken an den Nationalsozialismus ist damit spätestens seit 1990 Teil von normativen Identitäts- und Zusammenhaltsvorstellungen der wiedervereinigten Bundesrepublik. Andererseits gibt es beständige Bestrebungen verschiedener gesellschaftlicher Akteure und Individuen, die NS-Vergangenheit zu relativieren und bagatellisieren, um ein positives Bild deutscher Vergemeinschaftung entwickeln zu können (Salzborn 2020, Frei et. al. 2018, Wiegel 2001). Das Forschungsprojekt geht von der Hypothese aus, dass sich die relativierenden Argumentationsmuster mit der deutschen Einheit semantisch verändert haben – insbesondere unter der Bedingung der nun „konkurrierenden“ Erinnerung an die DDR (vgl. Thiele i.E., Wippermann 2009).

Auf Mikroebene kommen individuelle kognitive Operationalisierungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, sowie die emotionalen, affektiven Dimensionen zum Tragen: Für die Frage nach dem Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit spielen im familiären und im gesellschaftlichen Rahmen Schuld- und Schamgefühle eine Rolle (Rees et. al. 2018), die eine mögliche Abwehr der Erinnerung und Auseinandersetzung, oder sogar sekundärantisemitische Ressentiments generieren können (vgl. Bergmann 2007). Das Projekt fragt neben den Diskursen über sozialen Zusammenhalt auch nach jenen Einstellungen, die mit den die NS-Geschichte abwehrenden, relativierenden oder gar revidierenden Operationalisierungen einhergehen. Dies können beispielsweise völkische, nationalistische oder auch antisemitische Einstellungen (vgl. Pohl 2006) sein.


Bergmann, Werner 2007. Störenfriede der Erinnerung. Zum Schuldabwehr-Antisemitismus in Deutschland, in: Klaus Michael Bogdal/Klaus Holz/Matthias N. Lorenz [Hrsg.]: Literarischer Antisemitismus nach Auschwitz, Stuttgart: Metzler 2007, S. 13-36.

Frei, Norbert; Maubach, Franka; Morina, Christina; Tändler, Maik 2019. Zur rechten Zeit. Wider die Rückkehr des Nationalismus, München.

Kantsteiner, Wulf 2013. Gefühlte Wahrheit und ästhetischer Relativismus. Über die Annäherung von Holocaust-Geschichtsschreibung und Geschichtstheorie, in: Wulf Kantsteiner/Norbert Frei [Hrsg.]: Den Holocaust erzählen. Historiographie zwischen wissenschaftlicher Empirie und narrativer Kreativität. Göttingen, S. 12-50.

Pohl, Rolf (2010) Antisemitismus und Schlussstrichmentalität heute, in: Joachim Perels [Hrsg.]. Auschwitz in der deutschen Geschichte, Hannover, S. 230-254.

Rees, Jonas; Zick, Andreas; Papendick, Michael; Wäschle, Franziska 2018. MEMO Multidimensionaler Erinnerungsmonitor Studie I/2018, Forschungsbericht IKG.

Rüsen, Jörn 2012. Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens, Frankfurt am Main.

Salzborn, Samuel 2020. Kollektive Unschuld. Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern, Berlin/Leipzig.

Thiele, Anja i.E. „Bei den Nazis war es der Jude (…), in der DDR der Regimekritiker“

NS-Relativierung als Selbstlegitimation. Im Druck.

Wiegel, Gerd 2001. Die Zukunft der Vergangenheit. Konservativer Geschichtsdiskurs und kulturelle Hegemeonie, Köln.

Wippermann, Wolfgang 2009. Dämonisierung durch Vergleich. DDR und Drittes Reich, Berlin.

Laufzeit, Cluster und Forschungsfelder

Laufzeit:

06 / 2020 – 05 / 2024
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