Populistische Bewegungen und Regime im globalen Vergleich

Das Forschungsfeld will die Perspektive der am FGZ durchgeführten Untersuchungen um eine inernationale Dimension erweitern.

Die seit den späten 1980er Jahren zentral gewordene Gegenwartsdiagnose einer scheinbar unaufhaltsamen „Globalisierung“ schien zunächst vor allem mit der These ihrer Alternativlosigkeit das Problem des gesellschaftlichen Zusammenhalts in den Hintergrund gedrängt zu haben. Eben dies erweist sich in jüngster Zeit aber als neue Ressource für die Infragestellung gesellschaftlichen Zusammenhalts beziehungsweise für die Forderung nach dessen Neukonstituierung jenseits der unterstellten Entterritorialisierung als Folge globaler Verflechtungen. Dies hat den Aufstieg populistischer Bewegungen und Regime mit hoher Bindungskraft in ganz verschiedenen Teilen der Welt zur Folge, die eine Neuverhandlung des gesellschaftlichen Zusammenhalts einklagen und mit Verweisen auf eine vorgeblich bessere Positionierung im globalen Wettbewerb durch protektionistische Strategien mobilisieren. Entgegen der eigenen Rhetorik, die (ethno-)nationale Abschließung nahelegen würde, sind diese Bewegungen und Regime allerdings transnational intensiv miteinander verflochten und arbeiten mit wechselseitigen Referenzen an einer übergreifend transnational wirksamen Programmatik.

Während die Untersuchungen im dritten Forschungsfeld ein präzises und differenziertes Bild vor allem der deutschen Gesellschaft in ihrer historischen und regionalen Varianz zeichnen, wird die Programmatik des FGZ im Forschungsfeld Populistische Bewegungen und Regime im globalen Vergleich durch den europäischen und global ausgreifenden Vergleich populistischer Bewegungen und Regime erweitert. Während es mit den im Forschungsfeld Inklusion, Exklusion und Populismus konzentrierten Ressourcen möglich ist, umfangreiche Studien zu einzelnen Indikatoren, Datensätzen und Zusammenhängen durchzuführen, setzen die Untersuchungen in diesem Forschungsfeld auf Länderstudien, die sich auf eine intensive Rezeption der internationalen Sekundärliteratur, ergänzende Feldforschungen und die Vorzüge komparatistischer Vorgehensweisen stützen. Damit werden Arbeitsergebnisse zur deutschen Gesellschaft zunächst mit dem Diskussionsstand und eigenen Analysen für das westliche und östliche Europa (LEI_F_10 und LEI_F_14 sowie LEI_F_02), das subsaharische Afrika (LEI_F_09), Teile Asiens und vor allem China (LEI_F_13) verglichen.

Globale Kontexte

Beabsichtigt ist, die Entwicklungen in Deutschland in einen breiteren europäischen und letztlich globalen Kontext einzuordnen. Dies geht von der Hypothese aus, dass die gegenwärtigen Erschütterungen gesellschaftlichen Zusammenhalts auf verschiedene Weisen mit diesen globalen Kontexten zu tun haben: Erstens wird Globalisierung selbst zum Thema und zur Begründung in Prozessen der oftmals polarisierten Neuaushandlungen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Zweitens verschieben sich globale Gewichte und befeuern Befürchtungen vor ebenso wie Hoffnungen auf eine neue Weltordnung einschließlich ihrer Konsequenzen für den Zusammenhalt in einzelnen Gesellschaften. Dies wiederum hat drittens die Debatten um die Prinzipien gesellschaftlichen Zusammenhalts weiter transnationalisiert und das führt dazu, dass sich politische und soziale Bewegungen mehr und mehr in transnationalen und sogar transregionalen Räumen ausbilden und konsolidieren. Damit kommt es zu Verflechtungen zwischen diesen Bewegungen, auch populistischen, die direkt in deren Mobilisierungsfähigkeit und Bindungskapazität hineinwirken. Während der Vergleich auf das Herauspräparieren von Ähnlichkeiten und Differenzen zielt, wird er methodisch in diesem Forschungsfeld um globalhistorisch inspirierte Verflechtungsanalysen ergänzt, die die grenzüberschreitenden kulturellen Transfers als Faktor für die Neuaushandlung gesellschaftlichen Zusammenhalts in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken.

Ziel ist es, als wesentlichen Beitrag zur Transferstrategie des FGZ eine Gesamtdarstellung der globalen Welle populistischer Bewegungen und Regimes in ihrer transregionalen Verflochtenheit zu verfassen. Dafür bedarf das Forschungsfeld zugleich einer intensiven Kooperation mit Forschungseinrichtungen weltweit, die sich auf die Untersuchung einzelner regionaler und nationaler Fälle, aber auch auf den Vergleich populistischer Bewegungen und Regimes konzentrieren. Zugleich arbeiten die vergleichend angelegten Projekte im Forschungsfeld Populistische Bewegungen und Regime im globalen Vergleich an einer Komparatistik der Raumsemantiken populistischer Diskurse (LEI_F_11). Hierfür werden die in den Feldforschungen und Archivrecherchen erhobenen Schlüsseltexte populistischer Bewegungen und Regimes mit Instrumenten der digital humanities auf die darin gebrauchte Terminologie zur Bezeichnung der kritisierten und geforderten Verräumlichungen gesellschaftlichen Zusammenhalts geprüft. Erwarten lässt sich die Überprüfung einer Reihe von Annahmen über die ideologische Homogenität des internationalen Populismus sowie über seine Anschlussfähigkeit an Gesellschaftsvorstellungen, die weit über den Kreis populistischer Bewegungen hinaus geteilt werden.

Hier finden Sie eine Liste aller Forschungs- und Transferprojekte.