Raumsemantiken populistischer Diskurse im internationalen Vergleich

LEI_F_11 – Projekt des FGZ Leipzig

Zielsetzung / Fragestellung

Das Projekt LEI_F_11: Raumsemantiken populistischer Diskurse im internationalen Vergleich geht von der vorläufigen Beobachtung aus, dass der Populismus in hohem Maße Raumsemantiken nutzt, um bestimmte Modi des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu kommunizieren. Dabei rekurriert er auf raumbezogene Imaginationen / Metaphoriken, die aus älteren Phasen einer Neuverräumlichung der Welt unter Globalisierungsbedingungen stammen (1950er Jahre, Zwischenkriegszeit, inklusive Denkmuster, die ihre Wurzeln im 19. Jahrhundert haben). Wie erste Stichproben zeigen, transportiert der Populismus vor allem Raumsemantiken, die Menschen im Kontext des Schulunterrichts (in den „Weltanschauungsfächern“: Nationalsprachen, Geschichte und vor allem Geographie) erworben haben, und die „Raum“ als fraglos dauerhaft vorhandene und in „der Wirklichkeit“ gegebene Substanz konfigurieren. Derartige Raumsemantiken sind aufgrund mangelnder Reflexion bis heute implizit wirksam, können also vergleichsweise umstandslos als „Wahrheit“ aufgerufen, entsprechend leicht politisch instrumentalisiert und als probate Konzepte für die Gestaltung des gegenwärtigen und zukünftigen gesellschaftlichen Miteinanders „verkauft“ werden. Dies ist nicht nur relevant für Deutschland, sondern muss systematisch und vergleichend analysiert werden, was besondere Herausforderungen hinsichtlich der Sprachbeherrschung, des historischen Kontextwissens und der zu bearbeitenden Datenmengen stellt, denen durch Kooperation mit mehreren Projekten und den Einsatz von Methoden der digital humanities begegnet werden soll. Um den Entstehungszusammenhängen auf die Spur zu kommen, bezieht das Projekt eine historische Langzeitanalyse von geographischen Kommunikationsmedien (Zeitschriften, Schulbücher, Atlanten) ein.

Das Projekt leistet einen primär vergleichend-kontextualisierenden Beitrag zum Cluster 3 des FGZ, indem es zu zeigen versucht, wie Raumsemantiken seit dem 19. Jahrhundert implizit mit Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts aufgeladen und dadurch Räume als Ausdruck für gelungenen, fragilen, misslungenen oder optimierbaren gesellschaftlichen Zusammenhalt für breite Bevölkerungsschichten immer wieder neu lesbar gemacht wurden. Zentrale Fragen sind: Welche Strukturen raumbezogener semantischer Formen als Modi der (Selbst-)Beschreibung von Gesellschaften lassen sich seit dem späten 19. Jahrhundert beobachten? Welchem Wandel unterliegen sie, speziell in Transformationsphasen der Globalisierung? Welche Rolle spielen hierbei zentrale Begriffe moderner Raumsemantiken wie zum Beispiel „Natur“, „Nation“, „Staat“, „Empire“, „Kolonie“, „Region“, „Landschaft“, „Zivilisation“, „Heimat“? Welche handlungsgeleiteten Pragmatiken lassen sich bei Herstellung, Kommunikation / Vermittlung sowie der (populistischen) Instrumentalisierung dieser raumbezogenen semantischen Formen beobachten?

Methodisch orientiert sich das Projekt an einem Sprachverständnis, welches ausdrücklich Imaginationen, Visualisierungen, Metaphern und Bilder einschließt. Besonders wichtig für die Analyse von Raumsemantiken sind Übergänge und Übersetzungen zwischen unterschiedlichen Medien der Bedeutungsgebung; zentral ist die Untersuchung „zwischen Bild- und Textordnungen, Sichtbarem und Unsichtbarem, Verfügbarem und Unverfügbarem“.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Das Projekt stellt Raumsemantiken als ein zentrales Instrument zur Produktion von Vorstellungen über gesellschaftlichen Zusammenhalt unter den Bedingungen der durch Globalisierungsprozesse ausgelösten Neuverräumlichungen ins Zentrum der Betrachtung. Es ist mit mehreren weiteren Projekten in dem Anliegen einer europaweiten und tendenziell globalen Kartierung des Populismus verbunden, indem es dafür die komparatistisch einsetzbaren Instrumente der Digital Humanities zur Erschließung großer Textmengen aus ganz unterschiedlichen historischen Epochen und verschiedenen räumlichen Konfigurationen entwickelt und gemeinsam mit den kooperierenden Projekten anwendet.

Projektleiter*innen und Kontakt

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