Politischer Kulturwandel? – Legitimität der Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten verstärkten Populismus und steigender Islamablehnung

LEI_F_08 – Projekt des FGZ Leipzig

Zielsetzung / Fragestellung

Zielsetzung des Teilprojekts LEI_F_08: Politischer Kulturwandel? – Legitimität der Demokratie und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Zeiten verstärkten Populismus und steigender Islamablehnung ist eine theoriegeleitete empirische Erforschung der Beziehungen zwischen einer Offenheit von Bürger*innen für Populismus, Einstellungen zur Demokratie, gruppenbezogenen Vorurteilen, Islamophobie, sozialen Exklusionsprozessen sowie die Bestimmung ihrer Erklärungsfaktoren und Wirkungen für Radikalisierung (inklusive extremistische Einstellungen). Die leitende Forschungsfrage ist: Ob der (Rechts)Populismus, auch über seine Nutzung von Gruppen-bezogenen Vorurteilen sowie Islamablehnung, den gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie die demokratische Grundlage einer politischen Kultur untergräbt – und damit die liberale Demokratie, wie wir sie kennen, gefährdet? Die Fragestellung inkludiert Mikro- und Makroerklärungsfaktoren, wie sie perspektivisch auf eine international und regional vergleichende Perspektive zielt.

Forschungsleitende Hypothesen: (H1): Das Gefühl eigener relativer Deprivation führt zu einer größeren Offenheit für – auf Homogenität und Ausgrenzung von sozialen Gruppen (Minoritäten) zielende – populistische Alternativen zur liberal-pluralistisch deutschen Demokratie und einer verstärkten Differenzbildung zwischen Eliten und „Volk“. (H2): Die Wahrnehmung einer kulturellen Bedrohung in Verbindung mit der Möglichkeit einer Zuschreibung zu einer Fremdgruppe – zum Beispiel Menschen mit muslimischem Glauben (Faktor: Religion) – erhöht die Offenheit für rechtspopulistische Argumente. (H3): Dem wirken Intergruppenkontakte entgegen, die gemeinsame Engagementstrukturen fördern und zum Ausbau von Sozialkapital im Sinne eines für moderne, plurale und demokratische Gesellschaften passförmigen gesellschaftlichen Zusammenhaltes beitragen. (H4): Je stärker ein national(istisch) identitäres Verständnis von Zusammenhalt, desto offener sind Bürger*innen für Rechtspopulismus. (H5): Angst vor Globalisierung, mangelnder Kontakt zu Muslima und Muslimen sowie nationale Identitätsausbildung führen zu einer größeren Empfänglichkeit für rechtspopulistische Argumente und extremistischen Einstellungen. (H6): Bedrohungswahrnehmung, Offenheit für Populismus und soziale Abwertung untergraben die Legitimität einer Demokratie – und zersetzen vermittelt über die politische Kultur die gegenwärtige liberale Demokratie, beziehungsweise führen zu einer Einschränkung liberaler Werte. (H7): Sozioökonomische Deprivation auf der Makroebene erhöhen die Anfälligkeit für Populismus. (H8): Historisch gewachsene, regionale und nationale – speziell kulturelle – Kontextfaktoren (religiöse Kultur, rechtsextreme Tradition, ethnische Homogenität) wirken sich moderierend auf die Mikroerklärungen aus.

Analytisch abhängige Variablen sind Indikatoren (subjektiven) gesellschaftlichen Zusammenhalts (soziales Vertrauen, Toleranz, Solidarität), Offenheit für Populismus (neues Instrument), Einstellungen zur Demokratie beziehungsweise autokratische Regimeformen.

Unabhängige Variablen: unter anderem subjektive Faktoren aus der sozialwissenschaftlichen Forschung (Einschätzung Wirtschaftslage, relative Deprivation, dogmatische Religiosität, Globalisierungsängste, Demokratieverständnis, Parteineigung, Bildungsstand usw.), psychologische Forschung (gruppenbezogene Vorurteile, Bedrohungswahrnehmungen, Selbstwertgefühl, Anerkennungsdefizite, Menschenbilder, Toleranzverständnis) sowie strukturelle Faktoren (regio­naler und nationaler sozioökonomischer Stand, kulturelle Prägung des Gebiets, historische Erfahrungs- und Erinnerungskulturen).

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Neben Rückgewinnen für den Bereich der Überprüfung und Verbesserung theoretischer Zugänge auf dem Gebiet des gesellschaftlichen Zusammenhalts (vornehmlich in Korrespondenz zur politischen Kulturforschung) liegt der Beitrag des Projektes im vergleichenden und empirisch-analytischen Bereich des Instituts. Dabei werden kulturelle Faktoren der Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes in Konfrontation mit politischen, sozioökonomischen und psychologischen Faktoren untersucht und ihre (relationale) Relevanz herausgearbeitet. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass Probleme für den gesellschaftlichen Zusammenhalt oder Social Cohesion durch eine Polarisierung der Positionen in der Gesellschaft sowie über eine Unterminierung der bislang diesen Zusammenhalt in den Augen der Bürger*innen vermittelnden demokratischen politischen Kultur entstehen. Entsprechend schließen aktuelle Debatten über eine Erosion gesellschaftlichen Zusammenhalts direkt an seit Jahrzehnten geführte Diskussionen zu einer Legitimitätskrise der Demokratie an. Mobilisierungsfaktor für Polarisierungen sowie Radikalisierung und Extremismus in Bevölkerungsgruppen ist die Offenheit für populistische Angebote sowie die Abwertung oder Exklusion sozialer Gruppen beziehungsweise Minderheiten, speziell über religiöse Kategorienauswahl. Der Ansatz der politischen Kulturforschung ermöglicht eine theoriegeleitete empirische Prüfung der Beziehungen unter bestimmten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Genau genommen kann man die seit den 1960er Jahren etablierte politische Kulturforschung als schon bestehende Forschung zum gesellschaftlichen Zusammenhalt ansehen (Pickel / Pickel 2006, 2019). Sie deckt ein auf subjektive Beziehungen ausgerichteten Verständnis von gesellschaftlichem Zusammenhalt ab. Dies gilt besonders für den Unteraspekt der Sozialkapitaltheorie (Putnam 2000). Bezüge des Projektes zum FGZ ergeben sich aus der Bestimmung von Belastungsfaktoren des gesellschaftlichen Zusammenhaltes durch die Offenheit von Bürger*innen für Populismus, die Verbreitung radikaler und extremistischer Einstellungen, die Ablehnung demokratischer Werte und der Demokratie, ein autoritäres Demokratieverständnis sowie der Wirkungsanalyse von Abwertungsprozessen und gruppenbezogenen Vorurteilen. Damit liegt das Projekt im Zentralbereich der Erforschung gesellschaftlichen Zusammenhalts und behandelt sowohl die (regionalen und überregionalen) Voraussetzungen und Quellen des Zusammenhalts, seine Bedrohungen und Gefährdungen mit dem Ziel, daraus politische Handlungsempfehlungen abzuleiten.


Pickel, Gert; Pickel, Susanne (i.E.): Gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Angst um seinen Zerfall. Analysen zu Existenz, Gründen und Folgen gesellschaftlichen Zusammenhalts am Beispiel Sachsen, in: Kailitz, Steffen et al. (Hrsg.): Integration und Desintegration in Sachsen, Wiesbaden.

Pickel, Susanne; Pickel, Gert 2006: Politische Kultur- und Demokratieforschung. Grundbegriffe, Theorien, Methoden. Eine Einführung, Wiesbaden.

Putnam, Robert D. 2000: Bowling Alone. The Collapse and Revival of American Community, New York.

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