Kulturelle und sozioökonomische Spaltung und Rechtspopulismus in der deutschen Gesellschaft

LEI_F_06 – Projekt des FGZ Leipzig

Zielsetzung / Fragestellung

In dem Forschungsprojekt LEI_F_06: Kulturelle und sozioökonomische Spaltung und Rechtspopulismus in der deutschen Gesellschaft soll ein empirisch-analytischer Beitrag zur Frage der Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts geleistet werden. Untersucht werden Motive der Wahl der rechtspopulistischen Partei AfD in Deutschland. Dabei werden die Thesen der politisch-kulturellen sowie der ökonomischen Spaltung der deutschen Bevölkerung mit FGZ-Umfragedaten geprüft. Besonders das politische Verhalten der Bevölkerung in Ostdeutschland wird fokussiert. Weiterhin soll die Frage geklärt werden, warum sich mehr Männer als Frauen mit populistischen Parteien identifizieren.

Fragen und Hypothesen. 1. In der Debatte um die Spaltung der deutschen Bevölkerung in „Kosmopoliten“ und „Kommunitaristen“ lassen sich in Deutschland zwei entgegengesetzte wertbezogene Gesellschaftsbilder (Vorstellungen einer erwünschten Gesellschaft) empirisch ermitteln: ein traditional-geschlossenes und ein freiheitlich-offenes Weltbild. Die Dimensionen dieser Gesellschaftsbilder sind unter anderem Einstellungen zu Multikulturalismus, Autoritarismus, Universalismus von Rechten, internationaler Multilateralismus und Solidarität, Geschlechterrollen und Familienleitbild, Homosexualität, Klimawandel (Kooperation mit LEI_F_07 und LEI_F_08; FRA_F_02, BIE_F_04 und JEN_F_01). 2. Die Wirkung dieser Gesellschaftsbilder soll als Ursache der Haltung zu populistischen Einstellungen, zur liberal-repräsentativen Demokratie und der Absicht zur Wahl einer (rechts)populistischen Partei untersucht werden (Kooperation mit FRA_F_04). Zudem sollen Wirkungen der sozioökonomischen Spaltung der Bevölkerung in Modernisierungsgewinner*innen / -verlierer*innen geprüft werden. 3. Es wird vermutet, dass Ostdeutschland ein höheres Niveau an Zustimmung zum traditional-geschlossenen Gesellschaftsbild aufweist. Subjektive Faktoren wie das Empfinden fehlender Anerkennung der eigenen Bezugsgruppe (etwa geringere Repräsentanz auf Führungspositionen) und relative Deprivation im Vergleich zu Westdeutschen sind bei gebürtigen Ostdeutschen Mediatoren des Zusammenhangs von Gesellschaftsbild und politischen Einstellungen beziehungsweise Verhaltensintentionen (Kooperation mit LEI_F_03, BIE_F_04 und BIE_F_05). 4. Geprüft werden soll, inwiefern der Anteil der Männer, die sich mit rechtspopulistischen Positionen identifizieren, höher ist in Singlehaushalten und in heterosexuellen Paarbeziehungen, in denen die Partnerin ein traditional-geschlossenes Gesellschaftsbild vertritt oder indifferent ist (Kooperation mit FRA_F_02).

Variablen: Einstellungsbasierte Indikatoren des traditional-geschlossenen und freiheitlich-offenen Gesellschaftsbilds (neues Instrument), Offenheit für Populismus (neues Instrument), Einstellungen zur Demokratie, Politik und Wahlabsicht / Parteineigung, Maße relativer Deprivation (neues Instrument), soziodemografische Indikatoren. Datenbasis: FGZ-Zusammenhaltssurvey 2020ff. (Erhebung durch DIW-SOEP & Kantar München; verantwortlich: FGZ-Methodenzentrum).

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Das Projekt nimmt explizit Bezug zum zentralen Thema des FGZ. In der Öffentlichkeit und der Forschung findet eine umfassende Debatte um die Gründe des Erstarkens des Rechtspopulismus in Deutschland generell und in Ostdeutschland im Besonderen statt. Dies wird als Indikator der Schwächung des gesellschaftlichen Zusammenhalts interpretiert. Das Projekt untersucht empirisch-analytisch das Ausmaß des Zusammenhalts auf Basis der empirischen Rekonstruktion der beiden wertbezogenen Gesellschaftsbilder und zeigt, inwiefern die Unterstützung des Rechtspopulismus als Folge dieser kulturellen Spaltung anzusehen ist. Fragen des Ausmaßes von Zuwanderung, Vorstellungen zu Multi- oder Monokulturalismus, die Anerkennung von nicht-heterosexuellen Lebensformen, die Reichweite der Geschlechtergleichheit und die Einstellung zum Klimawandel berühren den Kern der Vorstellung darüber, wie Menschen zusammenleben wollen. Das Projekt ist daher langfristig als Dauerbeobachtung der Bevölkerung angelegt. Damit kann ein wichtiger Beitrag zur Diagnose des langfristigen Wandels des wertbezogenen Zusammenhalts geleistet werden. Ein Teil des Projekts dient der Analyse des Ausmaßes der Integration der Menschen innerhalb von Ostdeutschland und innerhalb der Gesamtgesellschaft, ein weiterer ist in der empirischen Geschlechterforschung verankert.

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