Wahrgenommene kollektive Handlungsfähigkeit als Treibmittel populistischer Bewegungen in bedrohlichen Zeiten?

LEI_F_03 – Projekt des FGZ Leipzig

Zielsetzung / Fragestellung

Hintergrund des Teilprojekts, "LEI_F_03: Wahrgenommene kollektive Handlungsfähigkeit als Treibmittel populistischer Bewegungen in bedrohlichen Zeiten?" sind die folgenden Fragestellungen. Was macht populistische Bewegungen am politischen Rand attraktiv? Und können demokratische Mehrheitsgruppen aus diesen Prozessen lernen? Diesen Fragen geht das Projektteam aus Perspektive der experimentellen sozialpsychologischen Forschung zu motivierter sozialer Kognition und Gruppenprozessen / sozialer Identität nach. Gemäß der FGZ-Heuristik geht es hierbei also um eine affektiv-identitätsbasierte Perspektive auf gesellschaftlichen Zusammenhalt. Grundlage ist das Modell gruppenbasierter Kontrolle. Es nimmt an, dass Menschen in Situationen wahrgenommener persönlicher Hilflosigkeit Gefühle von Kontrolle und Handlungsfähigkeit dadurch wiederherstellen können, dass sie sich mit handlungsfähigen Gruppen identifizieren und als Gruppenmitglied (nicht als Individuum) handeln. Populistisch-extremistische Gruppierungen fokussieren auf ein kollektives Wir (z.B. das ethnisch definierte „Volk“) und gesellschaftliche Veränderung durch kollektives Handeln (z.B. „Durchsetzung des Volkswillens gegen die Eliten“), was kollektive Handlungsfähigkeit kommuniziert. Die Mitgliedschaft in einer solchen Bewegung (oder auch nur in der adressierten Kategorie) sollte daher für Menschen insbesondere dann attraktiv werden, wenn sie selbst persönlichen Kontrollverlust (z.B. in gesellschaftlichen Krisensituationen) erleben.

Hypothesen: Populistisch-extremistische (vs. andere) Bewegungen werden als handlungsfähig wahrgenommen. Von dieser zugeschriebenen Handlungsfähigkeit sollte es abhängen, ob bedrohte (vs. nicht bedrohte) Personen die Bewegung als attraktiv erleben. Es wird in sozialpsychologischen Feld- und Laborexperimenten untersucht, durch welche spezifischen Merkmale dieser Bewegungen die wahrgenommene Handlungsfähigkeit entsteht und ob – und wann – auch demokratische Mehrheitsgruppen als handlungsfähig wahrgenommen und daher unter Bedrohung attraktiv werden.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Populistisch-extremistische Gruppen stellen eine mögliche Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch Polarisierung und antidemokratische Einstellungen dar. Gleichzeitig beruht ihre Anziehung auf mögliche Anhänger*innen vermutlich auf der Betonung sozialen Zusammenhalts durch kollektives Handeln, wenngleich im Namen extremistisch definierter Bezugsgruppen, wie einer ethnisch abgegrenzten Nation oder „dem Volk“ vs. „die Eliten“. Es scheint, als würden die gleichen psychologischen Prozesse und Bedürfnisse (nach sozialer Zugehörigkeit und Handlungsfähigkeit), die auch zum Streben nach gesellschaftlichem Zusammenhalt führen können, in „vervollkommneter“ Weise für den Erfolg populistisch-extremistischer Gruppen arbeiten. Dies sollte insbesondere in Zeiten gesellschaftlicher Krisen wirksam sein.

Das Projekt zielt zunächst auf den empirischen Nachweis dieser psychologischen Prozesse zur Erklärung der Attraktivität populistisch-extremistischer Gruppen ab. Gleichzeitig untersuchen wir, ob – und unter welchen Bedingungen – diese Prozesse in Krisenzeiten auch gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt fördern können. Vielfach dominieren populistisch-extremistische Gruppen polarisierte Diskurse, vermutlich (auch) wegen der Suggestion kollektiver Handlungsfähigkeit durch scheinbar eindeutig abgrenzbare Kollektive und geteilte kollektive Ziele. In experimentellen Interventionsstudien gilt es zu untersuchen, ob die Marker kollektiver Handlungsfähigkeit, wie klare kollektive Ziele, auch die wahrgenommene Handlungsfähigkeit demokratischer Mehrheitsgruppen erhöht werden können und damit ihre Attraktivität als psychologische ingroup. Gleichzeitig trägt das Projekt durch die Identifikation grundlegender psychologischer Prozesse zur Entwicklung einer integrativen Theorie gesellschaftlichen Zusammenhalts (und des Ressentiments gegenüber Andersartigkeit) bei.

Projektleiter*innen und Kontakt

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