Mediennutzungsstrategien und -kompetenzen. Wege zur Teilhabe an der digitalen Gesellschaft?

LEI_F_01 – Projekt des FGZ Leipzig

Zielsetzung / Fragestellung

Das Teilprojekt LEI_F_01: Mediennutzungsstrategien und -kompetenzen. Wege zur Teilhabe an der digitalen Gesellschaft? untersucht den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichem Zusammenhalt und (teil-)öffentlicher Kommunikation populistischer Gruppierungen und Jugendlicher. Die öffentliche Kommunikation wandelt sich durch soziale Online-Medien. Zu beobachten ist dabei eine Aufsplitterung der Gesellschaft (= Fragmentierung), in der sich hierarchische Deutungsmuster etablieren (= Stratifikation). Von zentralen Erkenntnisinteresse sind dabei erstens die politischen, ökonomischen, medienrechtlichen und medientechnischen Bedingungen von Online-Plattformen, die aktuell an einer Fragmentierung und Stratifikation der Gesellschaft mitwirken, deren Potenzial jedoch in einer deliberativen Partizipation und damit auch einer Stärkung gesellschaftlichen Zusammenhalts liegt. Zweitens sind spezifische Medienpraktiken und -strategien populistischer Gruppen und deren dialogische Anschlusskommunikation auf Plattformen zu rekonstruieren. Damit kann zum einen ein Bild für demokratieuntergrabende Kommunikationsstrategien und deren Bedeutung für die Identitätsbildung Jugendlicher erlangt werden. Zum dritten geht es im Sinne des Transfergedankens auch um die Entwicklung von Handlungsmöglichkeiten, die auf verschiedenen Ebenen darauf abzielen, Fragmentierung und Stratifikation einzudämmen beziehungsweise vorzubeugen.

Das Teilprojekt trägt zur Erforschung der Quellen und Gefährdungen gesellschaftlichen Zusammenhalts bei, indem es die Schnittmenge zwischen den Themenfeldern Populismus und Gesellschaftlicher Zusammenhalt und (digitale) Öffentlichkeiten adressiert. In der gemeinsamen Heuristik des FGZ trägt das Teilprojekt zur Erhellung der politischen Mythen und anderen Formen kollektiv wirksamen Erzählens bei, deren Kommunikationsbedingungen es erforscht. Mit Populismus steht ein politisches Narrativ im Fokus, dessen kommunikative Rahmenbedingungen, zielgruppen-spezifischen Praktiken und Strategien sowie Nutzungsmuster und aufzubauende medienkritischen Kompetenzen erforscht werden.

Der methodische Zugriff des Teilprojektes ist somit ein empirisch-analytischer. Gesellschaftlicher Zusammenhalt bildet die abhängige Variable, während die medienkritischen Kompetenzen die unabhängige Variable Populismus intervenieren.

Das Projekt konzentriert sich auf die Kohorte der 12- bis 19-Jährigen. Die Nutzung des Internets – sei es zu Kommunikations-, Unterhaltungs- oder Informationszwecken – ist im Alltag Jugendlicher heute allgegenwärtig: 91 % der 12- bis 19-Jährigen sind, zumeist mit ihrem Smartphone, täglich online. In der JIM-Studie 2018 gibt jede*r fünfte Jugendliche an, dabei häufig mit Hass im Netz in Kontakt zu kommen, 17 % begegnen gelegentlich Hassbotschaften, 28 % zumindest selten (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2018). Dabei begegnen Jugendliche entsprechende Kommentare oder Postings auf den Social Media-Plattformen Instagram und YouTube sowie in einzelnen Fällen auch auf Facebook, WhatsApp und Twitter sowie in Online-Spielen und Kommentarbereichen von Nachrichtenangeboten. Betrachtet man in diesem Zusammenhang die Beschwerden wegen volksverhetzender und rechtsradikaler Inhalte im Netz, dann hat sich diese Anzahl von 2014 auf 2015 nahezu verachtfacht. Die Daten zur jugendlichen Mediennutzug sowie die zu beobachtende zunehmende Verbreitung von Hass, Hetze und Diskriminierung im Netz machen deutlich, dass die zentrale Herausforderung der Digitalisierung nicht mehr darin liegt, die Nutzung digitaler Medien zu ermöglichen, sondern es vielmehr darum geht, Jugendliche zu einer konstruktiven, kritisch-reflektierten Teilhabe im Internet und an der Gesellschaft zu befähigen. Ziel des Forschungsprojektes ist es, hierzu einen Beitrag zu leisten. Es wird der Frage nachgegangen, welche spezifischen, medienkritischen Kompetenzen jugendliche Nutzer*innen im digitalen Zeitalter benötigen, um konstruktiv an der Gesellschaft teilhaben und destruktive Nutzungsformen erkennen sowie vermeiden zu können.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Die Auseinandersetzung mit Identitätsfragen, Fragen der Zugehörigkeit sowie der Verortung innerhalb sozialer Netzwerke spielt gerade im Jugendalter eine wichtige Rolle. Im Prozess der Sozialisation setzen sich Jugendliche aktiv mit sich selbst und ihrer Umwelt auseinander – die Medien stellen dabei einen bedeutsamen Teil ihrer äußeren Realität dar. Gerade in sozialen Medien kommen jugendliche Nutzer*innen auch häufig mit hasserfüllten, diskriminierenden Botschaften in Kontakt, die in Kommentarspalten oder Gruppen verbreitet werden (vgl. forsa 2016). Vor allem populistische Gruppen nutzen spezifische Medienpraktiken und -strategien in sozialen Medien zur Umsetzung ihrer politischen Ziele. So werden Online-Plattformen zu Werkzeugen rechtsextremer Propaganda (vgl. Yavuz 2017: 14 f.). Forschungen weisen darauf hin, dass die teils sehr professionelle Nutzung digitaler Kommunikation ein zentrales Strategiemoment populistischer Strömungen ist, wie sie beispielsweise in Sachsen existieren. Hetze und Diskriminierung in Kommentaren und Postings zu erkennen, gerade wenn diese sich hinter vermeintlichen Fakten, Humor oder Ironie verbergen, ist nicht immer leicht. Zentrale Aufgabe heutiger Medienpädagogik muss es dementsprechend sein, Jugendlichen medienkritische Kompetenzen zu vermitteln und sie zu befähigen, destruktive Medienpraktiken zu erkennen, sich nicht auf solche einzulassen, sondern ihnen mit einer konstruktiven Mediennutzung entgegenzuwirken und so online wie offline zu einer demokratischen, respektvollen Kommunikations- und Diskussionskultur beizutragen.

forsa 2016: Ethik im Netz. Hate Speech. Ergebnisse einer von der LfM im Auftrag gegebene Online-Befragung deutschsprachiger privater Internetnutzer ab 14 Jahren in Deutschland, Berlin. Online verfügbar unter www.lfm-nrw.de/fileadmin/user_upload/lfm-nrw/Service/Veranstaltungen_und_Preise/Medienversammlung/2016/EthikimNetz_Hate_Speech-PP.pdf, zuletzt geprüft am 11.12.2019.

Ganguin, Sonja; Sander, Uwe 2018: Medienkritik: Zur Genese eines reflexiven Umgangs mit Medien, in: Niesyto, Horst; Moser, Heinz (Hrsg.): Medienkritik im digitalen Zeitalter, München, 139-150.

Knop, Karin 2017: Hass und Hetze im Internet geht alle an – No Hate Speech! Editorial, in: Merz – Medien + Erziehung, Zeitschrift für Medienpädagogik 61, 8-12.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2018: JIM Studie 2018. Jugend, Infor­mation, Medien. Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger. Online ver­fügbar unter www.mpfs.de / fileadmin / files / Studien / JIM / 2018 / Studie / JIM_2018_Gesamt.pdf, zuletzt geprüft am 15.06.2018.

Yavuz, Christiane 2017: Like – Share – Hate: Extremistische Umtriebe im Netz, in: Merz – Medien + Erziehung, Zeitschrift für Medienpädagogik 61, 13-19.

Projektleiter*innen und Kontakt

Laufzeit, Cluster und Forschungsfelder

Laufzeit:

06 / 2020 – 05 / 2024
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