Was Journalisten wollen und sollen. Die Transformation der Journalismus / Publikum-Beziehung und ihre Bedeutung für gesellschaftlichen Zusammenhalt

HAM_F_02 – Projekt des FGZ Hamburg

Zielsetzung / Fragestellung

Die Beziehung zwischen Journalismus und Publikum ist durch den Medienwandel nachhaltigen Veränderungen unterworfen: Das Mediennutzungsverhalten verändert sich ebenso wie die Leistungsansprüche des Publikums an den Journalismus, von dem etwa mehr Transparenz und eine stärkere Partizipations- und Dialogorientierung erwartet werden. Markanten Ausdruck finden diese Umwälzungen in der allgegenwärtigen und unmittelbaren Medienkritik in Nutzerkommentaren, dem bei Teilen der Bevölkerung augenscheinlich fragilen Vertrauen in Medien sowie im Extremfall in „Lügenpresse”-Vorwürfen. Aber auch die rückläufigen Abonnementzahlen von Tageszeitungen und die gering ausgeprägte Zahlungsbereitschaft für Online-Journalismus sind Indikatoren dafür, dass der Journalismus oft nicht den Erwartungen seiner Nutzer*innen entspricht.

Allerdings ist ausgesprochen wenig darüber bekannt, welche Erwartungen die Bevölkerung genau an Journalismus hat und wie sich diese Publikumserwartungen zu dem verhalten, was Journalist*innen selbst als ihre professionelle Aufgabe, ihr Rollenselbstbild betrachten. Das heißt auch, dass praktisch kaum etwas darüber bekannt ist, wie weit die Auffassungen von Journalismus und seine Bedeutung für gesellschaftlichen Zusammenhalt auf beiden Seiten auseinanderliegen.

Vor diesem Hintergrund bearbeitet das Projekt zwei Leitfragen: Welche Vorstellungen und Erwartungen haben Journalist*innen in Deutschland bezüglich der Bedeutung ihrer Tätigkeit für gesellschaftlichen Zusammenhalt? Inwiefern sind diese Erwartungen und Selbstbilder (in)kongruent mit Erwartungen und Ansprüchen, die Bürger*innen an Journalist*innen richten?

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Der gesellschaftlichen Funktion des Journalismus ist (in Deutschland) die demokratietheoretische Vorstellung inhärent, dass Medien und Journalismus zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen (sollen). Hierfür ist es unerlässlich, dass Journalismus (s)ein Publikum erreicht. Die Qualität der Beziehung zwischen Journalismus und (seinem) Publikum stellt daher auch den Kern der meisten öffentlichen Debatten dar, die heute rund um den Journalismus geführt werden: sei es in Bezug auf Vertrauen in Journalismus, den „Aufstand des Publikums“ in den Kommentarbereichen und sozialen Medien sowie ganz grundlegend im Hinblick auf die Bedeutung des Journalismus für Demokratie und Meinungsbildung. Sowohl die öffentliche Debatte als auch Forschung vernachlässigte bisher allerdings weitgehend, die Erwartungen von Bürger*innen an den Journalismus sowie ihre „Passgenauigkeit“ mit dem journalistischen Rollenselbstverständnis näher zu beleuchten. Ein genaues Bild hierüber ist für die Erfüllung der gesellschaftlichen Funktion des Journalismus aber unerlässlich. Denn nur, wenn Erwartungen an Journalismus nicht dauerhaft und nachhaltig enttäuscht werden, kann er  (s)ein Publikum erreichen.

Auch aus rechtlicher beziehungsweise medienregulatorischer Perspektive sind solche Befunde relevant. So unterstellen das Kommunikationsverfassungsrecht, das einfache Medienrecht und die pressebezogene Selbstregulierung dem Journalismus die Übernahme spezifischer Funktionen in einer deliberativen Mediendemokratie. Die empirischen Erkenntnisse können Hinweise auf mögliche Fehlwahrnehmungen dieser Funktionen durch Journalist*innen, aber auch inkongruente Zuschreibungen und Erwartungen von Bürger*innen an Journalismus erbringen.

Das Projekt wird somit insbesondere die Einstellungen und wechselseitigen Erwartungen von zwei Akteursgruppen untersuchen, die gemeinsam an der Herstellung von Öffentlichkeit und durch sie vermitteltem gesellschaftlichen Zusammenhalt beteiligt sind. Darauf aufbauend lassen sich zum einen Erkenntnisse über das Beziehungsgeflecht der Journalismus-Publikum-Konstellation ableiten, zum anderen aber auch überindividuelle Aspekte der Neuausrichtung einer gesellschaftlichen Institution – des Journalismus – analysieren. Anspruch des Projekts ist somit, vor allem in empirisch-analytischer Hinsicht zum besseren Verständnis von affektiven Einstellungen beizutragen, die Grundlage für die Produktion und Wahrnehmung der (Medien-)Realität sind. Zugleich sollen aber auch begrifflich-theoretische Grundlagen erarbeitet werden, die die Bedeutung der Journalismus-Publikum-Beziehung für die Realisierung gesellschaftlichen Zusammenhalts erschließen helfen.

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