Qualitatives Panel: Milieuspezifische Praktiken der Gefährdung und Wahrung gesellschaftlichen Zusammenhalts

GÖT_F_01 – Projekt des FGZ Göttingen

Zielsetzung / Fragestellung

In diesem sozialstrukturell transversalen Forschungsansatz werden Praktiken des Zusammenhalts, aber auch dessen Gefährdung im zeitlichen Verlauf über Haushalte aus unterschiedlichen Milieus untersucht. Die qualitative Paneluntersuchung ist zunächst auf vier Jahre angelegt und wird in enger Kooperation mit dem TI Bremen konzipiert und durchgeführt. Sie leistet auf methodisch innovative Weise einen empirisch-analytischen Beitrag zur sozialen Praxis des gesellschaftlichen Zusammenhalts, wobei gleichermaßen die Arbeits- und Lebenswelt von Haushalten (Mikro- und Meso-Ebene) wie auch sozioökonomische Faktoren und die Infrastrukturen bzw. öffentlichen Güter, die gesellschaftlichen Zusammenhalt ermöglichen oder gefährden (Makro-Ebene) ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden. Die Leitfragen lauten:

  • An welchen expliziten oder impliziten Haltungen und Einstellungen zu gesellschaftlichem Zusammenhalt orientieren sich die verschiedenen Statusgruppen und Milieus in ihren Praktiken der Lebensführung?

  • In welchen Beziehungen und Netzwerken sowie in welchen institutionellen Zusammenhängen vollzieht sich die Lebensführung?

  • Welche eigenen oder bei anderen beobachteten Praktiken der Lebensführung ergeben sich aus diesen persönlichen Vorstellungen und sozialen Kontexten? Welche dieser Praktiken können sich - insbesondere in Krisenzeiten - gefährdend oder stärkend auf gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken? In welcher Weise wird das wahrgenommen und wie wird darauf reagiert? Oder handelt es sich bei den negativen oder positiven Auswirkungen auf Zusammenhalt um nicht-intendierte Effekte?

 

Die Panelerhebung erlaubt den systematischen Vergleich zwischen verschiedenen Milieus, aber auch zwischen Befragten desselben Milieus und den dort teils konflikthaft, teils konsensgestützten praktizierten Vorstellungen eines gelingenden Zusammenhalts. Durch die Etablierung eines qualitativen Haushaltspanels in ausgewählten Regionen Deutschlands, das verschiedene berufliche Statusgruppen und soziale Milieus (lokale Oberschichten, Mittelschichtsangehörige, prekär Beschäftigte, Erwerbslose) einbezieht, wird die Analyse von sozialen Praktiken in ihren Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Lebensbereichen (Arbeit, Familie, Nachbarschaft etc.) und in ihren Veränderungen über die Zeit (als Erwartungen und Planungen in die Zukunft, als Reaktionen auf und Anpassungen an Veränderungen) ermöglicht. Auf dieser Basis kann gezielt untersucht werden, welche intendierten wie auch nicht-intendierten Effekte soziale Praktiken in verschiedenen Statusgruppen und Milieus auf die Stärkung wie auch Gefährdung gesellschaftlichen Zusammenhalts haben. Gleichzeitig ist es aufgrund der Panelmethode möglich, Reaktionen (und dahinter liegende Einstellungsveränderungen) auf unvorhergesehene Ereignisse (bspw. Corona-Pandemie) in privaten, arbeitsbezogenen oder auch gesellschaftlichen Bereichen zu erfassen und mitzuverfolgen. Am Göttinger Standort stehen vor allem das praktizierte Zusammenwirken von Arbeits- und Lebenswelten sowie die teils konflikthafte sozialstrukturelle Positionierung verschiedener beruflich-sozialer Statusgruppen und damit möglicherweise einhergehende Entsolidarisierungsprozesse im Fokus der qualitativen Panelerhebung.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

In der Panelstudie werden die Befragten nicht nur als Einzelpersonen, sondern in ihren kollektiven Bezügen als Haushaltsmitglieder, Familienangehörige, Arbeitskolleg*innen oder Nachbar*innen betrachtet. Aus diesen Beziehungen und Netzwerken heraus werden ihre Einstellungen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt sowie ihre den Zusammenhalt schwächenden oder stärkenden Praktiken untersucht. Das Handeln der Befragten wird im qualitativen Panel darüber hinaus ganzheitlich als diachrone und synchrone Lebensführung betrachtet. Im Unterschied zu anderen Umfragen werden soziale Praktiken und Einstellungen nicht aus dem jeweiligen Augenblick heraus und sphärenspezifisch isoliert erhoben – zum Beispiel als politisches Engagement getrennt vom Konsumentenhandeln oder beruflichen Karrierestreben.

Besonderes Augenmerk wird auf zwei Arten von Inter-Milieu-Relationen gerichtet, die für gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig sind:

1. Wie stark verbinden und mischen sich soziale Milieus in Familien, Freundschaften, Nachbarschaften, Vereinen, Arbeitsorganisationen, Familien, Bildungseinrichtungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und medialen Diskursräumen – und in welchem Grad schotten sie sich gegeneinander ab und verstehen einander immer weniger?

2. Wie groß ist die empfundene oder auch gezielt gesuchte Konkurrenz mit anderen Milieus um gesellschaftlichen Status – und welche milieuübergreifenden Solidaritäten gibt es? Beide Relationen werden auch durch politisch gestaltbare institutionelle Kontexte gerahmt.

 

Abbildung 1: Ungleichheitsdynamiken und gesellschaftlicher Zusammenhalt

So wie gesellschaftlicher Zusammenhalt damit aus Praktiken der Lebensführung resultiert, werden diese durch die Art des je gegebenen gesellschaftlichen Zusammenhalts geprägt. Genau diese Mikro-Makro-Verbindung steht im Zentrum. In welcher Weise spiegelt sich Gesellschaftlichkeit in der je individuellen Lebensführung und geht umgekehrt aus deren vielfältiger Figuration hervor? Dabei wird die Meso-Ebene keineswegs ausgeblendet, sondern hat in Gestalt handlungsprägender und -fähiger sozialer Gebilde einen unverzichtbaren Stellenwert – etwa als Arbeitsorganisationen, wohlfahrtsstaatliche Leistungsanbieter, politische Parteien oder Bürgerinitiativen.

FGZ-interne Kooperationspartner*innen

» zurück zur Projektübersicht