Proteste und gesellschaftlicher Zusammenhalt: Lokale Konfliktdynamiken im Vergleich

BIE_F_06 – Projekt des FGZ Bielefeld

Zielsetzung / Fragestellung

Proteste sind eine Form politischer Partizipation, die sich spätestens seit den 1980er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland etabliert hat (Neidhardt & Rucht, 1993). Sie sind zugleich Ausdruck gesellschaftlicher Konflikte als auch Zeichen gelebter Demokratie. Auch wenn Proteste inzwischen zum politischen Alltag westlicher demokratischer Gesellschaften zählen (Dalton et al., 2010; Norris, 2011), eignen sich aber nicht alle Themen für erfolgreiche Protestmobilisierungen und nicht alle Bevölkerungsgruppen greifen in gleichem Maße auf das Mittel des Protests zurück. Wir gehen daher im Projekt der Frage nach, welche Themen in Protesten in den letzten Jahren verstärkt aufgegriffen worden sind, welche Form diese Proteste aufweisen und wie sie sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirken. Der Fokus liegt dabei sowohl auf der Erfassung verschiedener Protestaktivitäten in ihrer ganzen Breite als auch auf der tiefergehenden Analyse der Interaktionsbeziehungen zwischen Protest- und anderen gesellschaftlichen Akteur*innen auf lokaler Ebene (Armstrong & Bernstein, 2008).

Vor diesem Hintergrund untersucht die Studie in der ersten Förderphase in vier vergleichenden Fallstudien die Struktur, Entwicklung und Interaktion von Protesten. Auf nationaler sowie, tiefergehender, auf lokaler Ebene wird erhoben, wie viele Personen zu welchen Themen in den letzten 20 Jahren in Deutschland protestiert haben. Ziel der Analyse ist es, zu erheben und zu erklären, wie und warum sich Protestdynamiken an verschiedenen Standorten gleichen oder unterscheiden und wie sie durch nationale Protestereignisse in unterschiedlicher Form geprägt wurden. Auf lokaler Ebene wird zudem vergleichend untersucht, wie sich die Proteste auf unterschiedliche Aspekte gesellschaftlichen Zusammenhalts vor Ort auswirken.

In der zweiten Förderphase soll die erst einmal auf die Protestdynamiken in Deutschland fokussierte Untersuchung international vergleichend erweitert werden. An die Stelle des Ost-West-Vergleichs in Deutschland tritt dann eine vergleichende Untersuchung von Protestdynamiken in einem Ost- und einem Westeuropäischen Land. Ziel dieses nationalen und internationalen Ost-West-Vergleichs ist es, zu untersuchen, inwieweit langfristige, historische politische Prozesse lokale Protestdynamiken beeinflussen und damit die Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenhalts nachhaltig strukturieren. Dieser internationale Vergleich wird gegen Ende der ersten Phase unter anderem durch einen internationalen Workshop vorbereitet.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in demokratischen Gesellschaften hängt zentral davon ab, wie Interessen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen Gehör und Eingang finden können in öffentliche Debatten und politischen Entscheidungen. Konflikte können gesellschaftlichen Zusammenhalt sowohl gefährden als auch stärken (Cohen 1999). Dies gilt auch für Proteste, eine prominente Form, in der gesellschaftliche Konflikte offen zu Tage treten. Proteste können sowohl als Indikatoren gesellschaftlicher Spaltung verstanden werden, sie bieten aber auch die Möglichkeit gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, indem sie Konflikte artikulieren und damit sichtbar und bearbeitbar machen (Luhmann 1986; Melucci 1989). Hier kommt es insbesondere darauf an, welche Themen in welcher Weise bearbeitet werden und in welcher Weise sich die Austauschbeziehungen zwischen Protestakteur*innen und anderen gesellschaftlichen Akteur*innen aus Politik und Zivilgesellschaft gestalten.

Beide Aspekte werden im Projekt mit Hilfe einer bundesweiten und vier lokal fokussierten Protestereignisanalysen sowie vier lokalen Netzwerkanalysen (Diani 2015) untersucht. Damit leistet die Studie einen Beitrag zum Verständnis des Beitrags von Protesten auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor Ort.


Armstrong, Elizabeth A.; Bernstein, Mary 2008: Culture, power, and institutions: A multi‐institutional politics approach to social movements, in: Sociological theory 26:1, 74-99.

Cohen, Jean 1999: Trust, voluntary association and workable democracy: the contemporary American discourse of civil society, in: Warren, Mark E. (Hrsg.): Democracy and trust, Cambridge, 208-248.

Dalton, Russell; Van Sickle, Alix; Weldon, Steven 2010: The individual–institutional nexus of protest behavior, in: British Journal of Political Science 40:1, 51-73.

Diani, Mario 2015: The Cement of Civil Society. Studying Networks in Localities, Cambridge.

Luhmann, Niklas 1996: Protest. Systemtheorie und soziale Bewegungen, Frankfurt am Main.

Melucci, Alberto 1989: Nomads of the Present. Social Movements and Individual Needs in Contemporary Society, London.

Neidhardt, Friedhelm; Rucht, Dieter 1993: Auf dem Weg in die ›Bewegungsgesellschaft‹? Über die Stabilisierbarkeit sozialer Bewegungen, in: Soziale Welt 44:3, 305-326.

Norris, Pippa 2011: Democratic deficit: critical citizens revisited, Cambridge.

Publikationen

‘Like a family tree’? Memories of ’68 in the German anti-austerity movement Blockupy

Priska Daphi & Jens Zimmermann
(2021) In: Social Movement Studies 20 (1), S. 93–114. DOI: 10.1080/14742837.2020.1729719.» Details zum Projekt
Politisierung und soziale Bewegungen: zwei Perspektiven

Politisierung und soziale Bewegungen: zwei Perspektiven

Priska Daphi
In: Andreas Schäfer und David Meiering (Hrsg.): (Ent-)Politisierung? Die demokratische Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Leviathan Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaft, Sonderband 35: Nomos Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, S. 93–120.» Details zum Projekt
» zurück zur Projektübersicht