Das Bild in der digitalen Öffentlichkeit: Erfahrungs- und Beziehungsverluste in sprachloser Vergemeinschaftung

BER_F_05 – Projekt des FGZ Berlin

Zielsetzung / Fragestellung

Das Forschungsvorhaben, das explizit aus einer jüdischen Perspektive argumentiert, geht von der Beobachtung aus, dass das Bild das Wort als Medium der Vermittlung von Emotionen, Wissen und Erfahrung verdrängt. In der alltäglichen Kommunikation wird das Bild zunehmend zum Leitmedium, als schnelleres und leichter konsumierbares Medium selbstverständlich verwendet. Diese Verschiebung zeigt individuelle sowie gesellschaftliche Konsequenzen, so die Hypothese des Projekts.

Mit der Verdrängung des differenzierten Wortes durch das (digitale) stereotype Bild wird der Mensch sich selbst fremd: Das Bild als Medium der Weltaneignung fördert eine Beziehungslosigkeit, die nicht den Zusammenhalt einer ausdifferenzierten, heterogenen Gesellschaft unterstützt, sondern vielmehr homogene Gemeinschaften popularisiert. Diese Hypothese basiert auf Erkenntnissen insbesondere der jüdischen Geschichte beziehungsweise der Antisemitismusforschung: Die formgebende Gattung „Bild“ neigt dazu, gesellschaftliche Komplexität und soziale Erfahrung zu schematisieren und unterkomplex zu reproduzieren. Das Bild als Massenmedium der Kommunikation, als dominantes Mittel von Darstellung der Wirklichkeit – so die Hypothese – fördert maßgeblich Populismus und Antisemitismus als kognitiven Habitus. Es ist zu untersuchen, wie und ob die stereotype, bildhafte Aneignung von Welt die essentielle Erfahrung von individueller Wirksamkeit mindert und stattdessen Ressentiments, Ideologien und Hass mobilisiert.

Die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt impliziert die Frage, mit welchen ästhetischen Mitteln dieser hergestellt wird und wie dieser tatsächlich auch durch eine spezifische Medialität geformt wird. Die Annahme, dass ästhetische Erfahrung und soziales Verhalten korrelieren, liegt dem Forschungsvorhaben zu Grunde.

Thematischer Bezug zu gesellschaftlichem Zusammenhalt

Die Gleichzeitigkeit von bildhafter Performativität und Digitalisierung vieler Lebensbereiche und der zeitgenössische Ruf nach Eindeutigkeit, Gemeinschaft, Authentizität und Identität steht – so ist anzunehmen – in einem Zusammenhang, den die Sozialphilosophie auch als „Entfremdung“ auf den Begriff gebracht hat (Jaeggi 2016). Dem Forschungsauftrag des FGZ ist die Frage nach dem Medium inhärent und sie ist von höchster Relevanz: Er fragt ob und wie gesellschaftlicher Zusammenhalt hergestellt werden kann – oder ob dieser vielmehr durch das dominante Medium Bild gefährdet wird. Zu fragen ist überdies, in welcher Beziehung dieser Prozess zu Phänomenen wie (Ent-)Solidarisierung, Gemeinschaft, Inklusion und Exklusion steht. Denn die Wahl der „Gattung“, ob Bild und / oder Sprache, so die Hypothese, hat maßgeblichen Einfluss darauf, welche Beziehung wir zu uns selbst und zu anderen eingehen (können). Diese Frage stellt sich durchaus sowohl subjektiv als auch als objektiv. Die „Verbilderung“ von Lebens­bereichen ist evident, zu verweisen ist hier auf den Bildspeicher Internet, auf die kommerziellen Bildwelten, auf die angenommene Faktizität bildgebender Verfahren in Medizin und Humanwissenschaften. Der Befund einer dominanten Bildpräsenz lässt sich kaum von der Hand weisen. Diese Bebilderung kann durchaus als eklatanter „ikonischer Zugriff“ (Soldt 2009) auf das Subjekt aufgefasst werden. Zu untersuchen gilt es, welche gesellschaftlichen Konsequenzen dieser ikonische und stereotype Zugriff auf uns – als Individuen und uns als Gesellschaft – ausübt (Burda / Maar 2004). Die skizzierten Entwicklungen und gesellschaftspolitischen Reflexionen stellen gleichermaßen Herausforderung wie Potential für den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Der kulturtechnische Wandel fordert eine emanzipative und aufgeklärte Bildperzeptivität ein, auch und insbesondere, um Populismus und Antisemitismus verstehen und gegen diese präventiv und wirkungsvoll vorgehen zu können. Beiden Formen wohnt als kognitivem Habitus stets Stereotypie, Hypostase und Indifferenz als Charakteristikum inne; das wirkmächtige Medium Bild soll dahingehend philosophisch, theologisch, sozialphilosophisch und psychologisch geprüft werden.

Das Projekt leistet einen in erster Linie begrifflich-theoretischen Beitrag. Es fragt nach der Bedeutung von Bildmedien als Faktoren für die Entstehung, Stärkung oder Erosion von Zusammenhalt. Dabei stehen die diskursiv-kommunikativen Rahmenbedingungen der politischen Kultur sowie die affektive Dimension von Zusammenhalt beziehungsweise von exklusiven Zusammenhaltsvorstellungen (Antisemitismus, Populismus) im Fokus.

Projektleiter*innen und Kontakt

Laufzeit, Cluster und Forschungsfelder

Laufzeit:

10 / 2020 – 05 / 2024

Publikationen

Antisemitismus in Deutschland – Kontinuität oder Zeitenwende?

Antisemitismus in Deutschland – Kontinuität oder Zeitenwende?

Yael Kupferberg
In: Zentralrat der Juden (Hrsg.): "Du Jude". Antisemitismus-Studien und ihre pädagogischen Konsequenzen. Berlin: Hentrich & Hentrich, S. 35-46.» Details zum Projekt

[Open Access] Verlockung der Historisierung

Yael Kupferberg
In: Doron Kiesel, Natan Sznaider, Olaf Zimmermann (Hg.), Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist nie abgeschlossen. 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz, Berlin 2021, 92-100.» Details zum Projekt
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