Lohnungleichheit und die Rolle der Unternehmen

von: Steffen Müller
Illustration: die superpixel
Können ungleiche Löhne unsere Gesellschaft spalten? Am FGZ Halle wird untersucht, wie es um die Lohnungleichheit in Deutschland steht, wie sie sich betrieblich und regional unterscheidet und wie es um Auf- und Abstiegsmöglichkeiten bestellt ist.

Spalten ungleiche Einkommen unsere Gesellschaft?

Die vergangenen Jahrzehnte waren durch starke Anpassungsprozesse am Arbeitsmarkt gekennzeichnet. Globalisierung und technologische Neuerungen haben Strukturwandelprozesse in Deutschland ausgelöst, die regional sehr unterschiedlich ausfielen und Gewinner und Verlierer hervorgebracht haben. Vor diesem Hintergrund erforscht das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Rahmen des FGZ Halle die Auswirkungen von betrieblicher und regionaler Lohnungleichheit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Zunehmende Ungleichheit, wie sie in Deutschland vor allem seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachten ist, kann zu Polarisierung und zu gesellschaftlicher Spaltung führen. Insbesondere wenn finanzielle und gesellschaftliche Aufstiegsmöglichkeiten abnehmen, sich die Zugehörigkeit zu bestimmten Einkommensschichten verfestigt und der Austausch und die Begegnungen zwischen diesen Schichten – etwa am Arbeitsplatz – zurückgehen, wird eine Spaltung der Gesellschaft in „Die-da-oben“ und „Die-da-unten“ wahrscheinlicher.

Ziel unseres Forschungsprojektes ist es, konkret die Rolle von Betrieben für die Entwicklung ungleicher Löhne näher in den Blick zu nehmen. Dabei untersuchen wir betriebliche Ursachen für eine regional unterschiedliche Lohnentwicklung und nehmen geänderte Auf- und Abstiegsmöglichkeiten durch Wechsel zu ‚besseren‘ oder ‚schlechteren‘ Betrieben unter die Lupe.

 

Betriebliche Spaltung: Hochlohnbeschäftigte immer öfter bei Hochlohnfirmen

Bisherige Untersuchungen zu Westdeutschland legen nahe, dass es eine zunehmende Sortierung von Gutverdienenden zu Unternehmen mit hohen Löhnen und Schlechtverdienenden zu Unternehmen mit niedrigen Löhnen gibt. Arbeitnehmer:innen, die aufgrund persönlicher Merkmale unabhängig vom konkreten Arbeitgeber wenig verdienen, sind immer häufiger auch bei Unternehmen zu finden, die generell allen ihren Beschäftigten weniger zahlen. Andererseits lässt sich feststellen, dass Hochlohnbeschäftigte immer häufiger bei überdurchschnittlich bezahlenden Unternehmen angestellt sind. Diese Sortierung wird als assortative matching bezeichnet. Der Anstieg der Lohnungleichheit in Deutschland wurde von zunehmender betrieblicher Ungleichheit und zunehmendem assortative matching getrieben.

Eine Ursache für diese Spaltung in Hoch- oder Niedriglohn-Unternehmen und für das assortative matching liegt im outsourcing, das heißt im Auslagern von tendenziell schlechter bezahlten Tätigkeiten aus tarifgebundenen Unternehmen heraus an externe Unternehmen. In vielen Unternehmen wurden in den vergangenen Jahrzehnten Dienstleistungstätigkeiten wie Reinigung, Catering oder Sicherheit aus dem eigenen Unternehmen ausgelagert, um die Lohnkosten zu senken. Dies führte nicht nur zu Verschlechterungen für die betroffenen Beschäftigten, sondern auch zum Lohnanstieg im outsourcenden Unternehmen und zur Gründung bzw. zum Wachstum neuer Dienstleistungsunternehmen im Niedriglohnsektor.

 

Verstärkt die Sortierung bereits vorhandene regionale Ungleichheiten?

Assortative matching lässt sich wissenschaftlich anhand von Zeitreihendaten (Paneldaten) zur Lohnentwicklung nicht nur über einen begrenzten Zeitraum, sondern auch über die Karriere von Arbeitnehmer:innen hinweg untersuchen. Da noch wenig aktuelle Erkenntnisse zu diesem Phänomen für Gesamtdeutschland vorliegen, untersuchen wir, ob es beim assortative matching regionale Unterschiede in Deutschland gibt. So ist beispielsweise noch kaum erforscht, ob es Unterschiede zwischen Stadt und Land oder Ost- und Westdeutschland gibt. Unsere vorläufigen Ergebnisse zeigen, dass assortative matching auch zwischen Regionen zugenommen hat. Eine Hypothese, die wir testen, ist, dass vor allem Hochlohnbeschäftigte den ländlichen Raum verlassen haben und in urbane Räume zu gut zahlenden Unternehmen gewechselt sind.

 

Wie berechnet man Ungleichheit?

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist nicht allein die Tatsache entscheidend, dass Unternehmen unterschiedlich hohe Löhne zahlen und dass Lohnungleichheit und assortative matching von Jahr zu Jahr zunehmen. Entscheidend für die Konsummöglichkeiten der Einzelnen ist das Lebenseinkommen, denn durch Kreditaufnahme kann Konsum von guten Jahren zu schlechten Jahren verschoben werden.

Die Ungleichheitsforschung untersucht aber meist nur Ungleichheit zu einem bestimmten Zeitpunkt, also im Querschnitt. Das gängigste Ungleichheitsmaß ist der Gini-Index, der meist nur für je ein Jahr berechnet wird. Steigt dieser, wird meist daraus geschlussfolgert, dass die Ungleichheit der Einkommen zugenommen habe. Diese Betrachtung gilt jedoch nur für den Querschnitt und berücksichtigt nicht, dass sich Einkommen über die Zeit des Erwerbslebens verändern können.

 

Welche Rolle spielen unterschiedliche Aufstiegschancen für die Lohnungleichheit?

Jemand, der am Anfang seiner Karriere wenig verdient und aufgrund guter Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf später deutlich mehr Einkommen erzielt, erhöht die Ungleichheit im Querschnitt. Berücksichtigt man jedoch das Einkommen über das Berufsleben hinweg im Mittel, führt Auf- und Abstieg in der Lohnverteilung dazu, dass die Lebenseinkommen weit gleicher verteilt sind als die Einkommen im Querschnitt, also in einem bestimmten Jahr. Das heißt: Gab es bessere Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf, also mehr Mobilität in der Lohnverteilung, so ist der viel diskutierte Anstieg der Lohnungleichheit weniger dramatisch als oft dargestellt. Im Umkehrschluss gilt aber auch: Hat die Mobilität über die Jahrzehnte abgenommen, ist der Anstieg der Ungleichheit noch viel höher als weithin angenommen.  

Daher gehört es zum vollständigen Bild der Lohnungleichheit in Deutschland, auch die Lebenseinkommen zu berücksichtigen und zu untersuchen, ob möglicherweise eine Verbesserung oder Verschlechterung von Aufstiegsmöglichkeiten durch Arbeitgeberwechsel die Ungleichheit in Deutschland verringert oder verstärkt. Die bisherige Forschung zeigt hier eher ein pessimistisches Bild mit zurückgehender Mobilität und gestiegener Ungleichheit im Lebensverlauf.  Die bereits in früheren Studien dokumentierte Zunahme im assortative matching deutet bereits auf geringere soziale Durchmischung am Arbeitsplatz hin. Ein mögliches Ergebnis unserer Studie könnte sein, dass die Mobilität zwischen gut und schlecht zahlenden Betrieben ebenfalls abgenommen hat und sich assortative matching damit zunehmend über den gesamten Erwerbsverlauf von Menschen verfestigt.

Gemeinsam mit unserer Betrachtung unterschiedlicher Lohnentwicklung zwischen Unternehmen ermöglicht unser Forschungsprojekt einen tieferen Einblick in die genaue Entwicklung von Ungleichheit in Deutschland und liefert Erkenntnisse, die es der Gesellschaft ermöglichen einer sozialen Spaltung entgegenzuwirken.

Steffen Müller ist Leiter des Teilprojekts Die Rolle der Betriebe für regionale Lohnungleichheit und Mobilität am FGZ-Teilinstitut Halle

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