Der Antisemitismus der „Anderen“?

von: Julia Schuler und Oliver Decker
Illustration: die superpixel
Verschwörungstheorien im Rahmen von Corona, judenfeindliche Ausschreitungen bei Protesten um den Israel-Palästina-Konflikt, rechtsextrem motivierte Übergriffe und Attentate. Antisemitismus in Deutschland hat viele Gesichter und seinen Ursprung in unterschiedlichen sozialen, politischen und religiösen Milieus. Anhand der Daten der Leipziger Autoritarismus-Studie diskutieren wir seine Funktion als verbindendes Element dieser Milieus.

Neue Gesichter des Antisemitismus?

In den vergangenen Jahren ist erneut ein Anstieg antisemitischer Straftaten in Deutschland zu verzeichnen (vgl. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, 2021). Blickt man auf die Vorfälle, wird deutlich: Obgleich der überwiegende Anteil antisemitischer Straftaten weiterhin von einem rechtsextremen Spektrum ausgeht, finden sich antisemitische Tendenzen in ganz verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen. Im Rahmen der Anti-Corona-Proteste wurde deutlich, wie anschlussfähig antisemitische Verschwörungstheorien für unterschiedliche soziale und politische Milieus sind. Anfang des Jahres richtete sich die mediale Aufmerksamkeit zudem auf antisemitische Tendenzen in muslimischen wie auch politisch linken Milieus, nachdem es im Rahmen von Protesten um den Israel-Palästina-Konflikt auch in Deutschland zu judenfeindlichen Ausschreitungen kam.

Um Antisemitismus in Deutschland zu begegnen, muss deshalb der Blick auf die Gemeinsamkeiten wie auch Differenzen der Erscheinungsformen des Antisemitismus gelegt werden. Und es muss die Frage der möglichen Funktion antisemitischer Ressentiments als verbindendes Element zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen adressiert werden.

Die unverstellteÄußerung antisemitischer Ressentiments unterliegt in einer Mehrheit der deutschen Gesellschaft vor dem Hintergrund der Shoa weiterhin einer starken sozialen Sanktion. Gleichwohl sind antisemitische Ressentiments nach 1945 nicht verschwunden, sondern wirken noch fort – und dies nicht nur in gesellschaftlichen Randgruppen. Unter dem Druck sozialer Normen haben antisemitische Ressentiments in Deutschland in den vergangenen Jahrzenten veränderte Ausdruckweisen und Erscheinungsformen gefunden.  So fanden Bergmann und Erb bereits in den 80er Jahren für Ausdrucksformen antisemitischer Ressentiments, welche es vermögen soziale „Kommunikationsschwellen“ zu umgehen, den Begriff der Umwegkommunikation. In der Gegenwartsgesellschaft begegnen uns insbesondere zwei Formen einer solchen Umwegkommunikation: der Schuldabwehr-Antisemitismus sowie israelbezogener Antisemitismus.

 

Politische Kritik oder Ressentiment?

Im Zusammenhang mit Protesten um den Israel-Palästina-Konflikt rückt in Deutschland immer wieder die Kontroverse um die Unterscheidbarkeit von Kritik an israelischer Politik und antisemitischer „Israelkritik“ in den Vordergrund. Um eine solche Abgrenzung treffen zu können, schlug der Politiker und Autor Natan Sharanksy drei „D“- Kriterien vor: Dämonisierung, Doppelte Standards und Delegitimierung. Zunächst sei die Verhältnismäßigkeit der Kritik zu beurteilen. So handele es sich etwa bei Vergleichen der israelischen Politik mit den nationalsozialistischen Verbrechen um eine Dämonisierung und unverhältnismäßige Gleichsetzung. Doppelte Standards zeigten sich in der unverhältnismäßig starken Kritik Israels bei gleichzeitig ausbleibender Kritik an anderen Staaten, etwa totalitären Regimen. Zuletzt sei für die antisemitische „Israelkritik“ kennzeichnend, dass es um eine Delegitimierung des Existenzrechts Israels gehe.

In unserer Forschung verwenden wir das Konzept des israelbezogenen Antisemitismus, um antisemitische Ressentiments, die unter dem Vorwand der politischen Kritik geäußert werden, zu erfassen. Kennzeichnend ist, dass der israelische Staat zur Projektionsfläche antisemitischer Ressentiments wird. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass in den ressentimentgeladenen Äußerungen der Staat Israel als Vertreter eines als weltweit-homogen konstruierten Judentums adressiert wird. Der ‚jüdische Staat‘ wird zum Sinnbild für ‚den Juden‘ und andersherum. Das diese Gleichsetzung nicht selten ist, zeigt sich auch in der bevölkerungsrepräsentativen Leipziger Autoritarismus Studie 2020: 13,5% der Befragten unserer Studie stimmten der Aussage zu: „Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer“. Weitere 30% stimmten der Aussage zumindest teilweise zu (Kiess et al. 2020). Durch Gleichsetzungen wie diese werden jüdische Einrichtungen in Deutschland zum Ziel anti-israelischer Demonstrationen und Ausschreitungen, wie etwa im Mai 2021 in verschiedenen deutschen Städten beobachtbar war.

Israelbezogener Antisemitismus sorgte in Deutschland dabei insbesondere als Phänomen in politisch linken Gruppierungen für Kontroversen. Zugleich wird bei Personen mit Migrationsgeschichte vermehrt die Rolle von muslimischem Glauben und die Bedeutung von Sozialisation in antizionistischen Herkunftsstaaten des Nahen Ostens und Nordafrikas in den Fokus gerückt. Tatsächlich zeigte sich auch in unserer Erhebung, dass israelbezogener Antisemitismus bei politisch links orientierten Befragten im Vergleich zu denjenigen, die sich in der politischen Mitte verorten, häufiger auftritt (vgl. Abb. 1). Dieses Ergebnis ist bemerkens- und bedenkenswert. Unter Befragten, die sich politisch rechts verorten, finden sich zugleich weiterhin deutlich höhere Zustimmungswerte.

Prozentuale Zustimmung zu antisemitischen Aussagen des Schuldabwehr-Antisemitismus, israelbezogenen Antisemitismus und tradierten Antisemitismus in Abhängigkeit von politischer Selbstverortung, Daten der deutschlandweiten Leipziger Autoritarismus Studie 2020

Die Abwehr von Schuld

Besonders starke Zustimmung erhielten Äußerungen des israelbezogenen Antisemitismus in der bundesdeutschen Stichprobe, wenn sie mit Äußerungen des Schuldabwehr-Antisemitismus verknüpft waren.  So stimmten in unserer Befragung 30,3% der Teilnehmenden der Aussage zu „Israels Politik in Palästina ist genauso schlimm wie die Politik der Nazis im Zweiten Weltkrieg“.

Der Begriff des Schuldabwehr-Antisemitismus fasst eine spezifisch deutsche Form des Antisemitismus, die aus der über die Generationen seit dem Ende des 2. Weltkriegs weitergegebenen Abwehr von Erinnerung und Schuld in der deutschen Nachkriegsgesellschaft hervorgeht. Als Äußerungen im Sinne eines Schuldabwehr-Antisemitismus erfassen wir Relativierungen und Leugnungen der Shoa ebenso wie Äußerungen, bei welchen den Opfern der nationalsozialistischen Verbrechen Mitschuld oder gar Mittäterschaft zugeschrieben wird. Aber auch Unterstellungen, die Opfer der Shoa würden diese heute für sich instrumentalisieren, um daraus einen Gewinn für sich zu erzielen, sind beispielhaft für Antisemitismus als Schuldabwehr. So stimmten in Deutschland 2020 etwa 41,1% der Befragten der Aussage zu „Reparationsforderungen an Deutschland nutzen oft gar nicht den Opfern, sondern einer Holocaust-Industrie von findigen Anwälten“. Zu Grunde liegen diesen Äußerungen Prozesse der Projektion, Verleugnung und Externalisierung, die es ermöglichen, sich nicht mit eigener Schuld oder Schuld der (Groß-) Eltern auseinander zu setzen. Diese Form des Antisemitismus lässt sich verstehen als ein Resultat der Nachfolgeschaft des deutschen Nationalsozialismus, auch wenn sie nicht ausschließlich bei Nachfolgern des nationalsozialistischen Deutschlands auftritt.

Der Blick auf die Verbreitung antisemitischer Ressentiments in Abhängigkeit von Parteiwahl (Abb. 2) zeigt hierbei deutlich: Die gesellschaftlich am meisten geteilte Form des Antisemitismus in Deutschland bleibt der Schuldabwehr-Antisemitismus. Auch zeigt sich: Unter der Wählerschaft der AfD ist die Zustimmung zu Aussagen des Schuldabwehr-Antisemitismus zwar am höchsten, aber auch über alle anderen Parteien und Nichtwählende hinweg ist Schuldabwehr-Antisemitismus weit verbreitet.

Kein Antisemitismus der „Anderen“

Nur exemplarisch wurden hier zwei Analysen der Häufigkeit verschiedener Formen des Antisemitismus in Abhängigkeit von Parteiwahl und politischer Orientierung vorgestellt. Solche Analysen mit Fokus auf einzelne gesellschaftliche Gruppen werden in unserer Forschung in Verbindung gebracht mit Analysen zentraler Einflussfaktoren über die verschiedenen Erscheinungsformen hinweg, etwa der Analyse autoritärer Orientierungen oder auch sozio-ökonomischer Bedingungen.

Zweierlei können aber bereits diese Darstellungen deutlich machen: Antisemitismus in Deutschland ist kein Randphänomen einzelner gesellschaftlicher Gruppen. Insbesondere Formen der Schuldabwehr sind gesamtgesellschaftlich weiterhin weit verbreitet. Vor diesem Hintergrund erscheint eine Eingrenzung der Analyse von Antisemitismus allein auf muslimische Bevölkerungsgruppen nicht zielführend, sondern erfüllt vielmehr erneut eine Form der Schuldabwehr. Antisemitismus wird dann nur als ein Phänomen im Sinne eines „Antisemitismus der Anderen“ betrachtet, statt Tradierungen in der deutschen Gesamtgesellschaft nach 1945 zu analysieren. In absoluten Zahlen ist der Schuldabwehr-Antisemitismus der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft weiterhin das stärkste Problem. Zudem finden sich insbesondere in der politischen Rechten weiterhin die höchsten Zustimmungswerte zu antisemitischen Ressentiments. Hier droht Antisemitismus erneut, insbesondere eingewoben in Verschwörungsideen etwa im Rahmen der Corona-Demonstrationen, zum Anknüpfungspunkt zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu werden.

Antisemitismus in Deutschland muss in der Vielzahl seiner Erscheinungsformen betrachtet werden. Es gilt den Antisemitismus verschiedener gesellschaftlicher Gruppen zu adressieren, ebenso wie Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem zu verstehen. Insbesondere, wenn er droht zur Verbindungslinie unterschiedlicher gesellschaftlicher Milieus zu werden.

 

Weiterführende Literatur:

Kiess, J., Decker, O., Heller, A. & Brähler, E. (2020). Antisemitismus als antimodernes Ressentiment: Struktur und Verbreitung eines Weltbildes. In O. Decker & E. Brähler (Hrsg.). Autoritäre Dynamiken (S. 211-248). Gießen: Psychosozial.

Bundesministerim des Innern, für Bau und Heimat & Bundeskriminalamt (2021). Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2020. Bundesweite Fallzahlen. Veröffentlicht am 04.05.2021. Online Abrufbar unter: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/veroeffentlichungen/2021/05/pmk-2020-bundesweite-fallzahlen.pdf;jsessionid=2B47DB46415E071474BEE377604B076C.1_cid295?__blob=publicationFile&v=4 (letzter Abruf: 10.11.2021)

 

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