„Zusammenhaltssensibler Journalismus“ – Wie geht das?

von: Michelle Albert, Verena Albert, Julius Reimer und Wiebke Loosen
Illustration: die superpixel
Man konnte es beim Brexit beobachten, während der so genannten „Flüchtlingskrise“ und nun im Zuge von Corona: Gesellschaftlicher Zusammenhalt rückt vor allem dann in den Fokus, wenn er gefährdet erscheint – auch in den Medien. Aber wie hängen Journalismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt zusammen? Eine Studie des FGZ-Teilinstituts Hamburg geht dieser Frage nach und gibt Impulse für einen „zusammenhaltssensiblen Journalismus“.

Es scheint auf der Hand zu liegen, dass es zur Sozialverantwortung des professionellen Journalismus gehört, zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beizutragen – oder ihn zumindest nicht zu schwächen oder gar zu gefährden. Dies lässt sich ablesen an allgemeinen Vorkehrungen wie einem Pressekodex, einem Presserat und einer freiwilligen Selbstkontrolle. Es zeigt sich aber auch an einer regelmäßig geübten Kritik am Journalismus, etwa wenn Journalist:innen vorgeworfen wird, gesellschaftliche Gräben durch oberflächliche und sensationsgetriebene Berichterstattung zu vertiefen. Unstrittig scheint also, dass Journalismus den gesellschaftlichen Zusammenhalt prinzipiell stärken, aber eben auch schwächen kann. Die journalistische und die Praxis des sozialen Zusammenhalts sind auf komplexe Weise aufeinander bezogen – im öffentlichen Diskurs ebenso wie in Politik und Wissenschaft. Deshalb wollten wir empirisch herausfinden, wie Journalist:innen und andere relevante Akteur:innen den Zusammenhang zwischen Journalismus und gesellschaftlichem Zusammenhalt einschätzen. Außerdem wollten wir von ihnen wissen, wie aus ihrer Sicht ein „zusammenhaltssensibler Journalismus“ aussehen könnte. Die Studie ist Teil des am Teilinstitut Hamburg ansässigen Forschungsprojekts „Was Journalisten wollen und sollen“. Es befasst sich mit der gegenwärtigen Transformation der Beziehung zwischen professionellem Journalismus und seinem Publikum und möchte deren Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt besser beschreiben.

 

Vorgehen

Um Antworten auf unsere Fragen zu finden, haben wir zwischen Oktober 2020 und Februar 2021 insgesamt vier Gruppendiskussionen in Form von Vi­deochats mit jeweils fünf bis sechs Expert:innen aus verschiedenen Bereichen veranstaltet. Wir wollten insbesondere von Journalist:innen erfahren, inwiefern sie bereits über mögliche Auswirkungen ihrer Arbeit auf gesellschaftlichen Zusammenhalt nachdenken oder ob Ideen für eine „zusammenhaltssensible Berichterstattung“ ihnen in ihrem Alltag überhaupt umsetzbar erscheinen. Um ein möglichst breites Bild zu erhalten, haben wir Medienvertreter:innen aus Print- und Online-Medien sowie aus Radio und TV eingeladen. Daneben waren wir aber auch neugierig auf Sichtweisen außerhalb von journalistischen Redaktionen – und zwar von Menschen, die sich besonders intensiv mit den sozialen Gräben in unserer Gesellschaft sowie mit Möglichkeiten ihrer Überbrückung auseinandersetzen. Wir machten uns also auf die Suche nach Expert:innen aus der „Zusammenhaltspraxis“ – etwa Integrationsbeauftragte und Vertreter:innen von Minderheitengruppen – und Wissenschaftler:innen, die in der Sozialpsychologie, Philosophie oder Soziologie besonders zusammenhaltsrelevante Forschung betreiben. Bei der Rekrutierung legten wir zudem Wert auf eine diverse Zusammensetzung der einzelnen Diskussionsgruppen, etwa in Bezug auf den sozialen und ethnischen Hintergrund und das Alter der Teilnehmer:innen. Der Aufwand für die Recherche und Rekrutierung geeigneter Expert:innen machte sich bezahlt: Die vier Gruppen traten beinahe ganz ohne unseren Input in einen lebhaften Austausch, der von einem großen Interesse der Expert:innen am Thema der Studie zeugte und von ihrer Bereitschaft, die Perspektiven und Meinungen der anderen Teilnehmer:innen zu würdigen.

Aus den Ergebnissen dieser Diskussionen ist ein Impulspapier entstanden, das sich vor allem an die journalistische Praxis richtet: Es stellt die vielfältigen Perspektiven verschiedener Akteur:innen auf das Thema dar, bündelt in den Diskussionen genannte Positivbeispiele und entwickelt grundsätzliche Empfehlungen für Journalist:innen, die sich mit gesellschaftlichem Zusammenhalt und dem Journalismus als Faktor seiner Stärkung, Schwächung oder Gefährdung beschäftigen. Hier möchten wir nun einen ersten Einblick in unsere Ergebnisse geben.

 

Journalismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt

Wie Journalismus und gesellschaftlicher Zusammenhalt zusammenhängen, wird von den Expert:innen durchaus unterschiedlich gesehen. Dem Journalismus schreiben die Teilnehmer:innen gleich mehrere Aufgaben zu: Er solle helfen, „die Welt und die Menschen und alles, was passiert, zu verstehen“ (NGO-Vertreter:in), „informieren, analysieren, einordnen“ (NGO-Vertreter:in), relevantes Wissen erkennen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen (Wissenschaftler:in), „Gesellschaftsgestalter sein“ (Integrationsbeauftragte:r), aber auch die „Stimme, die verneint“ (Journalist:in) sein, also Kritik üben oder durch Widerspruch zu (Selbst-)Reflexion anregen.

Konsens besteht darüber, dass ein starker gesellschaftlicher Zusammenhalt prinzipiell ein wünschenswerter Zustand ist, zu dem auch Journalismus beitragen kann. Ob dies aber auch ein „echtes“ Ziel von Journalismus sein sollte, bezweifeln einige Expert:innen. Tatsächlich sei die „Logik des Journalismus“ eher auf Nachrichten ausgerichtet, „die großes Spaltpotenzial haben“ (Wissenschaftler:in), und Journalist:innen seien aufgrund ökonomischer Zwänge anfällig für „Clickbaiting“ und „Boulevardisierung“, die eine Spaltung der Gesellschaft eher befördern. Zudem werden die zunehmende gesellschaftliche Polarisierung, Hate Speech und Desinformation in sozialen Medien als nicht förderlich für gesellschaftlichen Zusammenhalt angesehen, ebenso wie „reale“ soziale Ungleichheiten und das Fehlen (digitaler oder physischer) „geschützter Räume“, in denen sich unterschiedliche soziale Gruppen begegnen und ihre Perspektiven und Meinungen austauschen können.

 

Wie können Journalist:innen „zusammenhaltssensibel“ berichten?

Die vielfältigen Verbindungen zwischen Journalismus und gesellschaftlichem Zusammenhalt, die in den Diskussionsrunden genannt wurden, haben wir in drei Rubriken gegliedert, die jeweils verschiedene Anhaltspunkte für einen „zusammenhaltssensiblen Journalismus“ aufzeigen (s. Abb.):

Unter dem Thema der „Erreichbarkeit der Gesellschaft“ lassen sich alle Aspekte bündeln, die von der Diagnose ausgehen, dass die klassischen journalistischen Medien weite Teile der Bevölkerung nicht mehr erreichen würden. Hier wurde etwa die zunehmende Ausdifferenzierung digitaler Plattformen genannt, die ambivalent bewertet werden: Sie trage zwar zu einer Fragmentierung des Publikums bei, biete aber auch die Chance, bestimmte Personengruppen (wieder) zu erreichen – sofern Journalist:innen die sozialen Medien „authentisch“ nutzten. Auf Seiten der Nutzer:innen fehle es bei vielen Themen häufig an Vorwissen, was eine weitere Hürde dafür sei, dass journalistische Angebote sie erreichten: „Das, was wir im Radio und auch im Fernsehen bringen, ist häufig zu kompliziert und zu hoch“ (Journalist:in). Deshalb wurde z.B. vorgeschlagen, häufiger eine leichter verständliche Sprache zu verwenden und Informationen und Ereignisse mittels Hintergrundinformationen genauer einzuordnen.

In der Rubrik „Abbildbarkeit der Gesellschaft“ fassen wir Aspekte zusammen, die Herausforderungen einer angemessenen Repräsentation von sozialer Vielfalt und Komplexität durch den Journalismus betreffen. Die Expert:innen kritisieren, dass in der Berichterstattung Erfahrungen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, wie die der gut gebildeten Mittelschicht, im Fokus stünden und andere dagegen kaum beachtet würden. Dass sich ganze Bevölkerungsgruppen medial nicht repräsentiert fühlten, schlage sich dann in Vorurteilen und in einem Misstrauen gegenüber den Medien nieder. Deshalb solle der Journalismus verstärkt die gesellschaftliche Perspektivenvielfalt abbilden und die Sichtweisen von Menschen unterschiedlicher politischer Orientierung, sozioökonomischer Verortung und geographischer Herkunft abdecken. Erst so werde garantiert, dass „sich alle in den Medien wiederfinden“ (Wissenschaftler:in). Gleichzeitig solle der Journalismus aber auch häufiger Gemeinsamkeiten von Menschen aufzeigen und über konstruktive Lösungsansätze berichten und so „eine Form von Gemeinschaftsgefühl herstellen“ (NGO-Vertreter:in).

In diesen Einschätzungen zur „Abbildbarkeit der Gesellschaft“ zeigt sich eine wichtige Grundspannung im Verhältnis von journalistischer Praxis und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Zwei als wichtig ausgemachte journalistische Aufgaben konfligieren miteinander: Einerseits erwartet eine Mehrzahl unserer Gesprächspartner:innen eine journalistische Integrationsleistung in Form der Vermittlung geteilter Themen und Werte, andererseits halten sie eine journalistische Repräsentationsleistung in Form der Darstellung einer Vielfalt von Lebensrealitäten für notwendig.

Unsere dritte Rubrik umfasst Aspekte der „Dialogfähigkeit der Gesellschaft“. Wir möchten damit die weit verbreitete Einschätzung einfangen, dass nicht alle sozialen Gruppen und Gesellschaftsbereiche die gleichen Möglichkeiten haben, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen. Um hier eine Veränderung zu erreichen, müsse „vor allem [die] digitale Informations- und Nachrichtenkompetenz“ (NGO-Vertreter:in) des Publikums gefördert werden. Ein weiterer wichtiger Faktor ist laut den Teilnehmer:innen die Erhöhung der Diversität in Redaktionen und Medienorganisationen: Besonders Menschen aus Familien von Einwander:innen und Arbeiter:innen seien hier unterrepräsentiert. Dies spiegele sich auch in der Repräsentation dieser Gruppen und ihrer Perspektiven in den journalistischen Inhalten wider. Einige der Expert:innen wünschen sich außerdem mehr Debattenräume, in denen Menschen trotz ihrer unterschiedlichen Meinungen respektvoll diskutieren können.

 

Und nun? Implikationen und Empfehlungen

In vier Gruppendiskussionen haben die Expert:innen über einen möglichen „zusammenhaltssensiblen Journalismus“ debattiert, ohne dass wir ihnen ein fertig ausgearbeitetes Konzept vorgelegt hätten. Wir haben lediglich den Begriff in den Raum gestellt. Er sollte kurz und knapp einen Zusammenhang benennen, der uns interessierte, und reichte als Impulsgeber für die lebendigen Gesprächsrunden vollkommen aus. Zugleich reagierten einige Teilnehmer:innen zurückhaltend bis kritisch auf unser Label und suchten nach Alternativen. Die meisten Expert:innen sehen jedoch einen großen Vorteil in der Neutralität des Begriffs, da er nicht automatisch suggeriert, dass Journalismus für die Förderung von Zusammenhalt zuständig sei. Vielmehr verweist er darauf, dass Journalismus den Zusammenhalt sowohl stärken als auch schwächen kann und Journalist:innen ein Bewusstsein für diese Wirkung ihrer Arbeit entwickeln können. Konkret verdeutlichen die Diskussionen, dass sich professioneller Journalismus in einem Spannungsfeld zwischen der Darstellung gesellschaftlicher Komplexität und ihrer unvermeidlichen Reduktion befindet. Beide Aspekte scheinen auf je eigene Weise förderlich für gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sein.

Die Beachtung der drei von uns entwickelten Kategorien der Erreichbarkeit, Abbildbarkeit und Dialogfähigkeit der Gesellschaft kann dabei helfen, Journalismus „zusammenhaltssensibel“ zu betreiben. Sie liefert jedoch keine direkten Handlungsempfehlungen und erst recht keine einfache Einheitslösung. So ist es zum Beispiel schlicht unmöglich, die gesellschaftliche Komplexität und Vielfalt in all ihren Facetten darzustellen – jede Form journalistischer Darstellung bleibt ein Ausschnitt. Als besonders fruchtbar hat es sich jedoch erwiesen, sich über konkrete Positivbeispiele zusammenhangssensibler Berichterstattung auszutauschen und diese zu analysieren. In den Gruppendiskussionen wurden verschiedene journalistische Arbeiten genannt, die als Vorbilder für bestimmte Aspekte eines „zusammenhaltssensiblen“ oder gar eines den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördernden Journalismus dienen können.

Wichtiger als direkte Handlungsempfehlungen aufzustellen, scheint es uns also, zusammenhaltssensible Themen, Praktiken und Organisationsstrukturen in der journalistischen Praxis kontinuierlich zu reflektieren. Unsere Ergebnisse, die im Detail in unserem Impulspapier nachgelesen werden können, bieten hoffentlich eine gute Grundlage dafür!

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