Die Krise als Wahrnehmung und Umbruch – ein unvollständiger Blick auf die Jahreskonferenz des FGZ

von: Stefan Kroll
Grafik: die superpixel
Unter dem Titel „Zusammenhalt in der Krise“ fand vom 8. bis 9. Juli die Jahrestagung des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt statt. Stefan Kroll, vormaliger Forschungskoordinator des FGZ, nun Leiter der Wissenschaftskommunikation des Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, fasst die Veranstaltung für den Blog des FGZ zusammen.

Die zweite Jahreskonferenz des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ), die im Juli 2021 virtuell stattfand, widmete sich der Frage des Zusammenhalts in der Krise. Dem Zusammenhalt wird insbesondere durch politische Akteure eine schützende Wirkung vor gesellschaftlichen Krisen zugesprochen. Auch wenn dies häufig mit Forderungen nach Resilienz verbunden wird, spielte der Begriff im Verlauf der Tagung keine nennenswerte Rolle. Der überwiegenden Anzahl der Beitragenden ging es gerade nicht um eine „Responsibilisierung“ des Einzelnen oder eine Individualisierung gesellschaftlicher Missstände, die deren strukturellen Gründe ausblendet, wie es Stefanie Graefe in einem Interview auf den Punkt brachte. Im Gegenteil, die über 40 Vorträge und Diskussionsbeiträge befassten sich mit den sozialen Herausforderungen und Chancen der aktuellen Krise – und von „Krise“ allgemein – sowie insbesondere der Rolle staatlicher und nicht-staatlicher Kollektive für deren Bewältigung.

Wissenschaftler:innen des FGZ haben bereits im vergangenen Jahr gezeigt, dass Zusammenhalt als politische Forderung vor allem dann formuliert wird, wenn es gilt, krisenhaften Entwicklungen zu entgegnen (Salheiser et al.). Auch wenn der Zusammenhaltsbegriff des FGZ als „normativ enthaltsam“ beschrieben ist (Deitelhoff et al.), bedeutet ein primär an einem Defizit orientierter Ansatz eine Verkürzung. Die Rede von der „Krise als Chance“, die in der politischen Debatte bisweilen recht oberflächlich wirkt, da sie die krisenhafte Bedrohung zu relativieren scheint, ergab sich hier also notwendigerweise aus dem Kernbegriff des Forschungsinstituts. Neben den Herausforderungen wurde nach jenen Chancen der Krise gefragt, die den Zusammenhalt betreffen. Ganz grundsätzlich behandelten die Beiträge eher den Einfluss der Krise auf den Zusammenhalt als den Zusammenhalt als eine Dimension der Krisenbewältigung.

Dies entsprach auch den politischen Erwartungen, die an die Forschung im FGZ zu Beginn der Konferenz formuliert wurden. In den Begrüßungen von Angela Dorn (Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst) und Thomas Rachel (Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung) wurden zunächst die den Zusammenhalt gefährdenden Maßnahmen der akuten Krisenbewältigung hervorgehoben; das Schließen von Orten des Zusammenhalts etwa oder das weitere Aufbrechen gesellschaftlicher Gräben. Ausgehend hiervon wurde die Aufgabe der Wissenschaft begründet, Bedingungen des Gelingens von Zusammenhalt zu entwickeln, die für zukünftige Krisen gesellschaftlich immunisiere. Die Rolle des Zusammenhalts als eine Form der gesellschaftlichen Universalprävention, die über akute Maßnahmen des Krisenmanagements hinausgeht, wurde hierdurch unterstrichen.

Das verweist auf die Zeitlichkeit der gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen sich die Konferenzbeiträge befassten. Sind die Fragen der gesellschaftlichen Polarisierung, der sozialen Ungleichheit oder auch des Klimawandels als „Krisen“ passend beschrieben? Handelt es sich doch um langfristige Transformationen, wie Julia Leininger in einer der Podiumsdiskussion betonte. In der Tat heben gängige Krisenkonzepte das Ereignishafte von Krise und die Unmittelbarkeit einer Entscheidungsnotwendigkeit hervor. Die überwiegende Anzahl der Konferenzbeiträge verwendete „Krise“ allerdings gar nicht als ein analytisches Konzept. „Krise“ diente vielmehr als ein Begriff, der als Beschreibung gesellschaftlicher Zustände bei unterschiedlichen Akteuren beobachtet und in seinen Ursachen und Folgen analysiert wurde. Ausgehend von einem solchen konstruktivistischen Verständnis von „Krise“ geht es gerade darum zu untersuchen, welche objektiven Bedrohungen als „Krise“ in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs eingehen und so behandelt werden und welche nicht.

Die Relevanz von „Krise“ als Quellenbegriff zeigte sich auch im Vergleich unterschiedlicher Krisen die von verschiedenen Beiträgen aufgegriffen wurden. Neben der „Klima“- und der „Corona-Krise“ waren dies vor allem die „Finanz“- und die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Insbesondere im Fall von Flucht und Migration erscheint die Diskrepanz zwischen messbaren Kriterien und gesellschaftlicher Wahrnehmung besonders groß zu sein. Angesichts dieser erfolgreichen „Verkrisung“ von Migration überrascht es nicht, dass dies der einzige Fall war, für den Steffen Mau in seiner Keynote-Lecture Daten für eine gesellschaftliche Polarisierung auffinden konnte. Ansonsten gelang es Mau, der gängigen Erzählung einer zunehmenden Spaltung anhand empirischer Daten zumindest etwas „die Luft“ zu nehmen.

Eine zentrale Stärke des FGZ ist seine disziplinäre und methodische Vielfalt, die sich im Verbund in gemeinsamen Projekten verbindet. Besonders eindrucksvoll machte sich dies auch im Rahmen der Summer-School des FGZ bemerkbar, die sich in den Tagen vor der Jahreskonferenz ebenfalls mit dem Motiv des Zusammenhalts in Zeiten der Krise auseinandersetzte. Stellvertretend sei hier nur ein Kooperationsprojekt der FGZ-Standorte Bielefeld und Bremen vorgestellt, das sich mit „Krise“ und nachbarschaftlichen Gemeinschaften befasst. Ausgehend von zentralen Erhebungen des Datenzentrums wird hier schlüssig ein komplementäres qualitatives Projektdesign entwickelt, in dem sich die für die Krisenforschung zentralen disziplinären Perspektiven der politischen Kommunikation und Geografie miteinander verbinden.

Darüber hinaus ist auch die Verwendung mikroperspektivischer und auf die Akteure bezogener Ansätze in vielen der Early Career-Projekten vielversprechend mit Blick auf den Kernbegriff des FGZ. Gerade die normativen Erwartungen an den Zusammenhalt, die sich in weiten Teilen des öffentlichen Diskurses abbilden, lassen sich durch Erhebung und die Analyse der Konflikte der Akteure erschließen und differenzieren.

Es würden den Rahmen des Beitrags sprengen, an dieser Stelle die Vielzahl an Daten und Analysen zu unterschiedlichen Feldern des Zusammenhalts in dieser Krise wiederzugeben, die im Rahmen der Konferenz präsentiert wurden. Das Spektrum reichte von Themen des Populismus und der Radikalisierung über Fragen der Repräsentation und Beteiligung bis hin zu den Herausforderungen des Klimawandels und der Beschleunigung der Digitalisierung. Kontrovers diskutiert wurden die Folgen der Lockdowns für Kinder und Jugendliche – insbesondere im Hinblick auf ökonomische Modellierungen der volkswirtschaftlichen Kosten, die spezifische Krisenerfahrungen der Gruppe der Kinder und Jugendlichen außer Acht ließen.

Wie aber wurde vor dem Hintergrund dieser vielfältigen Perspektiven die Qualität der gegenwärtigen Krisenerfahrung bewertet? Einen wichtigen Anhaltspunkt bietet historisches Orientierungswissen, das in diesem Fall zunächst auf den „Normalzustand von Krise“ verwies und dies anhand von Erfahrungen der vergangenen 500 Jahre illustrierte (Schüler-Springorum). Demgegenüber verwiesen Perspektiven aus der Politikwissenschaft auf die besondere Qualität der Verdichtung globaler Krisen, die wir seit einigen Jahren erleben und die auch im historischen Vergleich einen Unterschied machten (Zürn). Dies wirft schließlich eine Frage auf, die von Rainer Forst im Rahmen Abschlussdiskussion formuliert wurde Selbst wenn viele gesellschaftliche Routinen die aktuelle Krisenerfahrung überdauern, weil in Diskurs und Praxis konsequent auf ein „Back to Normal“ hingewirkt wird, anstatt ein „New Normal“ anzustreben, handelt es sich nach den zahlreichen individuellen Erfahrungen dennoch um dieselben Routinen?

Eine Antwort auf diese Frage ergibt sich aus den Präsentationen und den Diskussionen der beiden Konferenztage, und auch mit Blick auf die unmittelbare Zukunft der gemeinsamen Verbundforschung: Dem Autor dieses Beitrags fiele spontan kein Forschungs- oder Transferprojekt im FGZ ein, das konzeptionell oder methodisch ohne eine Bezugnahme auf die aktuelle Corona-Pandemie und ihres Managements zu bearbeiten wäre. Die Forscher:innen des FGZ untersuchen zwar weiterhin die Normen, Haltungen und Praktiken des Zusammenhalts, doch der Kontext ist ein anderer und auch neuer und dies wird nicht ohne Auswirkungen für den gemeinsamen Gegenstand bleiben. Das Thema der Jahreskonferenz war damit nicht nur aktuell, sondern auch zukunftsweisend für das Institut.

 

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