Der Wert der Arbeit und der Zusammenhalt der Gesellschaft

von: Berthold Vogel
Blog Illustration "Wert der Arbeit"
Grafik: die superpixel
Wir sehen durch die Pandemie klarer auf die Brüche und Spaltungen der Gesellschaft. Noch wichtiger: Wir erkennen den Wert der Arbeit als Ort des Zusammenhalts.

Von der Risiko- zur Klassengesellschaft?

Was lernen wir aus der pandemischen Krise seit dem Frühjahr 2020? Zunächst: Die Krise ist keine Gleichmacherin. Sie akzentuiert Trenn- und Bruchlinien des Sozialen. Es kommt darauf an, wie man wohnt, wo man arbeitet, ob der sichere Rückzug ins Homeoffice offensteht oder ob man von der eigenen Systemrelevanz nach draußen gezwungen wird. Die pandemische Risikogesellschaft ist eine Klassengesellschaft, aber mit neuen sozialen Schnittmustern. In ihren wirtschaftlichen Risiken trifft sie auch die, die den Weg in die Selbstständigkeit gesucht haben. In ihren gesundheitlichen Risiken konzentriert sie sich keineswegs nur auf prekäre Jobs, sondern eben auch auf hochqualifizierte Gruppen im Gesundheits- und Bildungsbereich. In ihren sozialen Risiken bedroht sie Bindungen und Haltepunkte an Orten der Kultur und bürgerschaftlichen Aktivität. Die einfache Rede von einer Covid-verstärkten Oben-Unten- oder Innen-Außen-Polarisierung der Gesellschaft trifft nicht die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Staatsverständnis und kommende Verteilungskonflikte

Ebenso wenig rechtfertigen die vergangenen Monate einen Alarmismus des Ausnahmezustands oder die Apokalyptik des Grundrechtsverlusts. Die pandemische Krise war in unseren politischen Breitengraden zu keinem Zeitpunkt Vorbotin einer vom Zerfall bedrohten Demokratie, auch wenn sich manche von Langeweile befallenen Schauspielerinnen und Schauspieler dazu berufen fühlten, sich in der Einsamkeit der eigenen vier Wände zu Rettern verlorener Grundrechte aufzuschwingen. Nicht die Demokratie wurde vom Virus befallen, sondern die Gesellschaft entdeckte ihre Staatsbedürftigkeit. Verteilungskämpfe um öffentliche Ressourcen waren rasch auf der Tagesordnung und sie werden in der Krisenbewältigung in den kommenden Jahren noch an Fahrt aufnehmen. Keine gesellschaftliche Interessengruppe möchte zu kurz kommen. Auch Marktliberale klagen dann die pünktliche Zahlungsbereitschaft einer Institution ein, die sie im gesellschaftlichen Normalbetrieb allein als bürokratisches Monstrum wahrzunehmen vermögen.  

Neue Aufmerksamkeit für Erwerbsarbeit

Neben neuen Mustern der Ungleichheit und einer Revision des Staatsverständnisses ist es aber vor allem ein dritter Punkt, der mit Blick auf die globale Covid-19-Krise wichtige Schlussfolgerungen zulässt: Die Erwerbsarbeit als öffentliche Sphäre und Ort kohäsiver gesellschaftlicher Kräfte rückt verstärkt ins Zentrum gesellschaftswissenschaftlicher und -politischer Aufmerksamkeit. Der Wert der Arbeit wird neu verhandelt – insbesondere mit Blick auf Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Drei Stichworte sind aufzurufen: Systemrelevanz, Betrieb und Soziale Orte.

Systemrelevanz: Warum wir unterscheiden sollten!

Über den Begriff systemrelevanter Arbeit mag man sich mokieren. Doch die Diskussionen rund um diesen Begriff markieren einen zentralen Punkt: Welche Arbeit besitzt welchen Wert für die kollektiven Angelegenheiten einer Gesellschaft, also für all das, was für unser Zusammenleben wichtig und unverzichtbar ist? Stichworte sind: Gesundheit, Bildung, Daseinsvorsorge oder kommunale Verwaltung. Als globale Erfahrung wurde uns im vergangenen Jahr klar, dass es unabdingbare Arbeiten und Berufe gibt, die unser Zusammenleben, ja unseren Zusammenhalt sichern: Krankenpfleger und Ärztinnen, Lehr- und Rettungskräfte, Busfahrerinnen und Mitarbeiter der Müllabfuhr, Kassiererinnen und Paketboten... Der Wert dieser Berufstätigkeiten trat hervor. Die Rangordnung in den gesellschaftlichen Bewertungssystemen der Arbeit änderte sich grundlegend. Aus den Kulissen einer funktionierenden Sozial- und Wirtschaftsordnung traten öffentliche Berufe schlagartig auf die Vorderbühne der Gesellschaft. Gemeinwesen, die sich auch jenseits der Pandemie um ihren Zusammenhalt bemühen, sind gut beraten, ihre Maßstäbe zur Bewertung der gesellschaftlich notwendigen Arbeit nachhaltig zu verändern. Dazu zählen die Fragen tariflicher Entlohnung, eine vielfältige und professionell herausfordernde betriebliche Arbeitsgestaltung, eine verbesserte Ausbildung und erweiterte Möglichkeiten beruflicher Karriere. Soziale Wertschätzung für gesellschaftlich notwendige Dienstleistungen ist mehr als eine monetäre Frage. Das gilt bei Nachwuchskräften, aber auch bei denen, die mitten im Arbeitsleben stehen.

Betriebe: Wo wir arbeiten können!

Wer über den Wert der Arbeit für den Zusammenhalt einer Gesellschaft spricht, dem und der geraten die Orte des Tätigseins in den Blick. In mehrfacher Hinsicht erinnert man sich in diesem Zusammenhang an die frühen Studien industriesoziologischer Forschung. Zum einen war die Arbeits- und Industriesoziologie seit den 1950er Jahren davon überzeugt, dass Betriebe Lernorte der Demokratie sind. Die Themen der Mitbestimmung und der Ausbau des Arbeitsrechts waren mehr als nur Instrumente der Betriebsführung oder der materiellen Besserstellung der Arbeitenden. Sie waren normative Prinzipien der Einübung demokratischer Praxis im Erfahrungsraum der Erwerbsarbeit. Soziologen wie Bahrdt, von Friedeburg, Lutz oder Popitz waren fest davon überzeugt, dass die junge Demokratie der Bundesrepublik nur dann eine gute Stabilitäts- und Entwicklungschance hat, wenn für die Mehrheit der Menschen Demokratie mehr ist als ein abstraktes Prinzip. Demokratie muss erfahrbar und praktizierbar sein, gerade an den Orten, an denen sich die Menschen tagtäglich aufhalten. Im Betrieb, aber auch in Büro und Behörde. Dieser Geist und diese Überzeugung sind verloren gegangen. Die Rede über das Home-Office in Zeiten der Pandemie tut so, als ob Betriebe oder Bürogebäude nicht viel mehr als bauliche Hüllen der Erwerbstätigkeit wären. Doch weit gefehlt: Betriebe sind Kreuzungspunkte und soziale Orte. Dort begegnen sich Menschen unterschiedlicher Herkünfte, Professionen, Aspirationen und Lebensgeschichten. Sie können Sozialisationsräume für die Jungen und Anerkennungsräume für die Alten sein. Der pandemisch ausgelöste Rückzug in das Home-Office mag für manche eine gesundheitliche Chance für den Moment sein. Eine soziale Chance auf Dauer ist das Home-Office nur für Wenige. Es festigt Vereinzelung und nimmt die Möglichkeit, einander zu begegnen, gemeinsame Interessen zu entwickeln, Solidarität zu ermöglichen.

Soziale Orte: Was wir produzieren müssen!

Über Arbeit zu forschen heißt heute mehr denn je, die Veränderung der Arbeit mit lebensweltlichen Erfahrungen der Menschen zu verknüpfen. Arbeitende sind Teil ihrer Familien und Nachbarschaften, bringen sich aktiv in ihren Vereinen und Initiativen ein, und bewegen sich in ihrer lokalen Umwelt sowie in den dort vorhandenen Infrastrukturen. Die Pandemie unterstreicht: Wir müssen den Trend des Rückzugs öffentlicher Institutionen aus bestimmten Stadtquartieren und in immer mehr ländlichen Räumen brechen. Eine demokratische Gesellschaft bedarf öffentlicher Daseinsvorsorge und gemeinwohlorientierter Arbeit, die finanziell gesichert und auf Dauer zur Verfügung gestellt werden muss. Es braucht Investitionen in Soziale Orte, die es ermöglichen, Zusammenhalt und gleichwertige Lebensverhältnisse zu produzieren. Kommunale Trägerschaften, Genossenschaften oder Stiftungen können hier gleichermaßen eine wichtige Rolle spielen. Arbeit am Gemeinwohl ist nicht nur Staatsaufgabe, aber in jedem Fall ist es auch deutlich mehr als ein Ehrenamt oder eine freundlich zu pflegende Nische der Arbeitsgesellschaft. Um die großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu bestehen, braucht es einen Strukturwandel der Öffentlichkeit, der höhere Ansprüche stellt als Mindestlohn und Projektförderung.

Was bleibt festzuhalten? Die faire Gestaltung und die Wertschätzung der Erwerbsarbeit sind unabdingbare Voraussetzungen für Gemeinwohl und Demokratie. Es geht „nach“ der Pandemie nicht um die Wiederherstellung der Malaisen der „alten Normalität“, sondern um einen arbeitsgesellschaftlichen „New Deal“ für Zusammenhalt und Gemeinwohl. Den Gesellschaftswissenschaften wird in diesem Rahmen eine zentrale Rolle zukommen. Sie müssen mehr sein als Kommentatoren der Zeitläufte. Das neue Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt bietet hierfür Rahmen und Chance.

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