Gesellschaftliche Konflikte in der Pandemie: Neue Spaltungen oder alte Brüche?

von: Natalie Grimm, Stefan Holubek-Schaum, Ina Kaufhold, Arne Koevel, Andreas David Schmidt
Illustration: die Superpixel
Zu Beginn der Pandemie war vielerorts ein Hauch von Solidarität zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen zu spüren. Nachbarschaftshilfen wurden gegründet und auf den Balkonen klatschten die Leute für Arbeitende in systemrelevanten Berufen. Im weiteren Verlauf wurde die Pandemie jedoch eher zum Gegenstand gesellschaftlicher Konflikte. Im Folgenden nehmen wir die aktuellen Diskussionen um die Spaltung der Gesellschaft zum Anlass, einen genaueren Blick auf diese Konfliktlinien zu werfen und zeigen, dass die vermeintlich neuen Kämpfe häufig Ausdruck allzu bekannter Ungleichheiten sind.

Argwohn zwischen Geimpften und Nicht-Geimpften und Misstrauen in die von der Politik beschlossenen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sind weit verbreitet. In der Pandemie stehen sich auf verschiedenen Ebenen Verlierer:innen und Gewinner:innen gegenüber, sei es in Hinblick auf die berufliche Tätigkeit, die soziale Einbindung oder auch die gesellschaftliche Repräsentation. Dies fordert den gesellschaftlichen Zusammenhalt heraus.

Die gesellschaftliche Bedeutung dieser Themen zeigt sich in unserem Forschungsprojekt, in dem wir „milieuspezifische Praktiken der Gefährdung und Wahrung gesellschaftlichen Zusammenhalts“ untersuchen. Wir führen hier in 5 Schwerpunkt-Regionen ausführliche Interviews, in denen Menschen mit unterschiedlichen beruflichen und sozialen Hintergründen nach ihrer Lebensgeschichte gefragt werden. Dabei interessieren wir uns insbesondere dafür, welche Themen für die Interviewten besonders wichtig sind – seien es ihre Arbeitserfahrung, ihr soziales Nahfeld (Familienleben, Nachbarschaft, Freundeskreis) oder ihre Sichtweise auf die Politik. Mit unserer Methode können wir die Erfahrungen, Deutungen und Handlungsweisen der Befragten im Lebensverlauf aufeinander beziehen und interpretieren, was auch in Hinblick auf die Thematisierung der Pandemie interessante Aspekte zutage fördert. Wir beziehen uns im Folgenden auf Interviews, die wir im November und Dezember 2021 geführt haben. In dieser Zeit standen die Verabschiedung der „3G-Regel“ am Arbeitsplatz, die Debatte um eine Impfpflicht im Gesundheits- und Pflegebereich, neue Regelungen wie 2G im Einzelhandel und stärkere Kontaktbeschränkungen für Ungeimpfte im Zentrum der öffentlichen Diskussion.

Alle Interviewten sind sich in einem Punkt einig: Die Corona-Pandemie schadet dem sozialen Zusammenhalt. Nahezu alle teilen das Erleben verminderter sozialer Kontakte und Empathie sowie die Zunahme von gegenseitigem Unverständnis. Das gesellschaftliche Miteinander sei „total zerrüttet“ und finde „aktuell gar nicht mehr statt“. Aufgrund der Pandemie zögen „sich immer mehr Menschen zurück“ und es besteht die Sorge, „dass die Gesellschaft komplett durchdreht“ – so lauten einige Aussagen aus unseren Gesprächen. Sichtbar wird aber, dass hinter dem Schlagwort der „Spaltung“ bei den Interviewten ganz unterschiedliche Erfahrungen, Deutungen und Positionen stehen, die uns Hinweise auf die Gesellschaftsbilder der Befragten geben.

Irritationen in der gesellschaftlichen ‚Mitte‘ 

Die Verunsicherungen, die sich uns in den Interviews zeigen, richten sich aber nur auf den ersten Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, gemeinsam geteilte Werte wie Solidarität oder die Funktionstüchtigkeit gesellschaftlicher Infrastrukturen. Allzu oft erweist sich die Sorge ums große Ganze als eine Sorge um den eigenen Status. Im Rahmen der Pandemie und der Maßnahmen ihrer Bekämpfung sind auch in vormals etablierten Fraktionen der Mittelschichten alte Gewissheiten ins Wanken geraten. Insbesondere Gruppen, die Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und individuelle Leistungsfähigkeit als zentrale Werte hochhalten, sehen sich unmittelbar mit der Erfahrung konfrontiert, unlösbar in gesellschaftliche Zusammenhänge verwoben zu sein – und durch diese teils eben auch ungefragt eingeschränkt zu werden.

Die pandemische Lage fördert Bilder von Gesellschaft und Vorstellungen von Ungleichwertigkeit zutage, die – auch in den Interviews – sonst wohl im Impliziten verblieben wären. Auch wenn es sich dabei um eine Orientierungsleistung in einer historisch neuen Situation handelt, zeigt sich in diesen gegenseitigen Bewertungen und Positionszuweisungen eine Beharrlichkeit altbekannter Kategorien sozialer Ungleichheit. Diese Beharrlichkeit bezieht sich auf gefestigte Deutungsmuster gesellschaftlicher Phänomene und zeigt sich zum Beispiel in der Art und Weise, wie in unseren Interviews über Gruppenzugehörigkeiten gesprochen wird – und wie dabei Grenzen gezogen und Ein- und Ausschlüsse (re-)produziert werden.

So äußert eine junge Theologin, die in einem klassischen Familienmodell lebt, im Interview über weite Strecken liberale, progressive Ansichten. Als die Sprache auf Corona kommt, erzählt sie, sich aufgrund der Stillzeit gegen eine Impfung entschieden zu haben. Mit dieser Entscheidung und ihrer Sichtweise auf die Infektionsschutzmaßnahmen, sehe sie sich erstmals in eine marginalisierte Position gedrängt:

„Ich war noch nie in so einer Minderheit. Das ist ein neues Gefühl. Und es fühlt sich oft nicht gut an und es macht mir oft Angst, also mit wie viel Ablehnung einem da auch begegnet wird so. Wenn man nicht allgemeingültige Meinungen reproduziert sozusagen, eine Kritik äußert oder irgendwie Bedenken oder Fragen hat.“

Der Befragten, die sich bis dahin recht irritationslos innerhalb der Werte- und Handlungsmuster der Mehrheitsgesellschaft bewegt hatte, erscheint das Thema ‚Gesundheit‘ dann auch als zentrale gesellschaftliche Konfliktlinie, an der sich die Gesellschaft zu spalten drohe:

„Eine Gesundheit ist irgendwie kein Wert, den man verhandeln kann. […] Gesundheit ist ja ein allgemeines Gut. Und da ist es, weiß ich nicht, vielleicht ist ja die Gefahr der Spaltung irgendwie noch größer, weil jede Handlung des anderen, ich das Gefühl habe, dass das mit meinem Leben zu tun hat. Jemand, der sich nicht impft […], das hat eine Auswirkung auf mein Leben und das ist eine Bedrohung für mein Leben. Wenn jemand fremdenfeindlich ist, dann soll er das ja sein, den werde ich eh nicht ändern, das hat mit meinem Leben nichts zu tun so. Also diese Spaltung hat eine ganz andere Qualität.“

Um der Dringlichkeit der eigenen Statusgefährdung Ausdruck zu verleihen, spielt die Befragte die eigene Erfahrung des Widerspruchs gegen die von ‚Fremdenfeindlichkeit‘ aus. Natürlich können aber auch rassistische Ausgrenzungspraktiken gesundheitliche Folgen für die Betroffenen haben. Diese Gegenüberstellung wirkt zwei Jahre nach den rassistischen Anschlägen in Hanau fast zynisch. Die Empörung bezieht sich hier also durchaus nicht auf die Gefährdung von Gesundheit, sondern auf die eigene Betroffenheit. In dieser Abgrenzung ist eine aufwertende Rückversicherung der eigenen Zugehörigkeit zur Mehrheitsgesellschaft zu erkennen, wobei diese Zugehörigkeit nicht selten durch die Nicht-Betroffenheit von Ungleichwertigkeitserfahrungen zu charakterisieren ist. Die Theologin gehört – das hat sie biographisch erfahren – doch zur In-Group, ist eben nicht „fremd“ und sollte, so die leitende Vorstellung, nicht aus dem Zusammenhalt ausgeschlossen werden. Dass eben jener Zusammenhalt seinerseits auf – zum Beispiel rassistischen – Ausgrenzungspraktiken beruht, tangiert die Befragte anscheinend nicht, solange sie davon nicht selbst betroffen ist.

Ganz ähnlich beschwert sich eine hochqualifizierte Führungskraft im öffentlichen Dienst, die sich erst vor kurzem aufgrund des sozialen Drucks ihrer Familie impfen ließ, dass bei Betreten eines Geschäfts ihr Impf- und Personalweis von einer Verkäuferin kontrolliert wird. Aus ihrer Sicht werden in der Pandemie bisher geltende gesellschaftliche Statushierarchien, von denen sie bislang profitiert hat, in Frage gestellt. In der Beschreibung der Situation diskriminiert sie die Verkäuferin aufgrund ihrer Tätigkeit und dem sozialen Status, den sie ihr damit zuschreibt:

„Und wenn man dann von irgend so einem Verkäufer dann so, zeigen Sie mal Ihren Impfausweis und wo haben Sie Ihren Lichtbildausweis, dann geht das gar nicht. […] Also und weil man Leuten auch eine Macht plötzlich gibt, die eigentlich sonst immer so eigentlich nichts zu sagen hatten. Und das lassen die so richtig jetzt raus, das finde ich auch eigentlich richtig schlimm. Meine ehemalige Kollegin […] hat immer gesagt, gib einem Pförtner einen Kloschlüssel in die Hand und er fühlt sich irgendwie wichtig. Das ist so diese Macht der ansonsten Machtlosen.“

Noch drastischer äußert sich schließlich ein als Sicherheitskraft beschäftigter Befragter, der in einer geschichtsrevisionistischen Täter-Opfer-Umkehr Parallelen zum Nationalsozialismus zieht – eine Ansicht, nach der er einer aktuellen Studie zufolge nicht allein ist:

„Ich hab das gestern gehabt, ich war beim Einkaufszentrum mit meiner Frau, da steht an einem Laden „Zutritt nur für Geimpfte und Genesene“. Dieses Schild, das sieht eins zu eins aus wie ein Schild aus meinem Geschichtsbuch, wo draufsteht „Zutritt nur für Deutsche“. Das sieht genauso aus. Ich fühl mich da so unglaublich dran erinnert. An 1984 von Orwell und an den Nationalsozialismus. Was wir hier grade machen mit den Ungeimpften.“ 

Sichtbarkeit gesellschaftlicher Ausschlüsse: Corona als Kontrastmittel

Aussagen wie diese, die den öffentlichen Diskurs zum Teil prägen, können wir in unseren Interviews in den Kontext der Lebensführung und der biographischen Verläufe setzen. Dabei wird deutlich, vor welchem Hintergrund die Befragten aus ihrem pandemischen Erleben ‚Sinn machen‘. In der hier in den Blick genommenen Untergruppe von Befragten wird das Unbehagen an der Einschränkung der eigenen Handlungsfähigkeit und der Verunsicherung vermeintlich sicherer Statuspositionen verarbeitet, indem Zugehörigkeit proklamiert, auf Privilegien gepocht und Diskriminierungserfahrungen anderer relativiert werden. Die Pandemie und ihre gesellschaftlichen Folgen sind „Störquellen“, die „als Anlass zu Explikation“ wirken, so lässt es sich mit der Philosophin Rahel Jaeggi formulieren. Im Sprechen darüber, wie Corona den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährde, wird explizit, auf welchen stillschweigend hingenommenen Ausschlüssen der Zusammenhalt beruht, wenn er ‚intakt‘ ist. Damit werden die strukturellen Verankerungen rassistischer und klassen- bzw. statusbezogener Ausschlüsse in der Gesellschaft offengelegt. Diese tieferliegenden gesellschaftlichen Verwerfungen bestehen nicht erst seit der Pandemie, sie treten als konservative Wertemuster und „alte“, aber nie verschwundene gesellschaftliche Spaltungslinien hervor und adressieren verschiedene soziale Ungleichheiten. Interessant ist diese Beobachtung zum einen für die Frage, wie unterschiedliche soziale Milieus aufeinander blicken, was wir in unserem Panelprojekt weiter untersuchen werden. Zum anderen fordert sie eine gesellschaftskritische Betrachtung heraus, weil die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in ohnehin krisenhaften Zeiten darin sichtbar wird.


Dr. Natalie GrimmIna Kaufhold und Andreas David Schmidt (FGZ Göttingen) arbeiten gemeinsam mit Dr. Stefan Holubek-Schaum und Arne Koevel vom (FGZ Bremen) im Projekt „Qualitatives Panel: Milieuspezifische Praktiken der Gefährdung und Wahrung gesellschaftlichen Zusammenhalts“.

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